• #31
Es stört mich allerdings, wenn ich sehe, dass Menschen, die arbeiten könnten, dies aus irgendwelchen Gründen nicht wollen und es als selbstverständlich ansehen, trotzdem einen Anspruch auf staatliche Hilfen zu haben.
Ja, aber wieviele sind das? Das ist der Punkt. Ich kenne einen, der beim Arbeitsamt arbeitet. Die Angestellten dort haben ne Menge Druck, dass sie die Leute sanktionieren sollen, wenn sie können.

Die Sanktionsquote für erwerbsfähige Leistungsberechtigte wird berechnet als Quotient aus der Anzahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten mit mindestens einer gültigen Sanktion (Sanktionsbestand) durch die Anzahl aller erwerbsfähigen Leistungsberechtigten.
Zähler: Nur die Leistungsb. mit mindestens einer wirksamen Sanktion
Nenner: Alle Leistungsb.

2018 waren es 3,1%. Die letzten zehn Jahre schwankte die Quote zwischen 2,4 und 3,4%.
Und 77% der Sanktionen 2018 gehen auf Meldeversäumnisse zurück, also nicht auf Arbeitsverweigerung.

Verstehst Du, was ich meine? Es klingt bei diesem "soziale Hängematte"-Thema immer wie "DIE (in dem Fall Langzeit)Arbeitlosen" machen dies und das. Es ist eine winzige Zahl. Trotzdem scheinen viele Menschen, die arbeiten, eine totale Angst zu haben, dass ein Arbeitsloser faulenzen könnte. Sonst würde es ja nicht dauernd erwähnt werden. Ich würde nie sagen, dass es die nicht gibt, aber davor dass die einen ausnutzen, muss man keine Angst haben.
In D gehen angeblich dem Staat pro Jahr 100 Mrd. Euro Steuergelder verloren durch Steuerhinterziehung (wieviel Prozent der Bevölkerung Steuerhinterziehung machen, hab ich nicht gefunden, aber der Geldbetrag ist schon enorm). Für mich wär das ein ähnliches Äquivalent, dass man jeden, der hier davon schreibt, er hätte sich was aufgebaut, erstmal fragt, ob er auch seine Steuern richtig zahlt.
 
  • #32
  • #33
Und wenn es nur einer ist, der wie @Berlinerin73 öffentlich bekennt "Ich bin doch nicht blöd und nehme jede Arbeit", dann ist es einer zu viel. Das ist nicht entschuldbar, mit dem Argument kannst Du auch die katholische Kirche vom Missbrauchsskandal reinwaschen.
Leider prägen diese wenigen eben das Gesamtbild und das ist das eigentliche Problem.
Du hast aber schon verstanden, dass dies ein hypothetisches Beispiel ist, was nichts mit mir zu tun hat? Oder konntest du das der Diskussion nicht entnehmen? Ich besitze einen Doktortitel und mehrere Firmen, ich bin nicht arbeitslos. Aber wenn ich es wäre dann würde ich nicht kellnern gehen. Das kannst du jetzt schlecht finden wie du willst, aber ich hätte auch meinen Stolz und würde solche Arbeiten nicht machen. Ebenso habe ich Verständnis für jeden Arbeitslosen, der keine solche Aufgaben übernehmen will. Und da ich mit meinem Leben zufrieden bin, habe ich es nicht nötig, mit dem Finger auf die angeblichen "Sozialschmarotzer" zu zeigen. Es ist mir persönlich egal, ob jemand keine Lust zum Arbeiten hat und dafür ALG II bezieht. Was tangiert mich das?
 
  • #34
Verstehst Du, was ich meine? Es klingt bei diesem "soziale Hängematte"-Thema immer wie "DIE (in dem Fall Langzeit)Arbeitlosen" machen dies und das. Es ist eine winzige Zahl. Trotzdem scheinen viele Menschen, die arbeiten, eine totale Angst zu haben, dass ein Arbeitsloser faulenzen könnte.
Ich verstehe dich genau und kann dir versichern, dass Sozialneid mir völlig fremd ist. Daher vermeide ich in meinen Beiträgen, (die ich mir eben wieder durchgelesen habe), immer das Wort "Die". Es sind niemals „Die“, sondern immer nur manche oder einige.

Ich kenne einen, der beim Arbeitsamt arbeitet. Die Angestellten dort haben ne Menge Druck, dass sie die Leute sanktionieren sollen, wenn sie können.
Arbeitsvermittler oder wie es jetzt "neudeutsch" heißt Fallmanager, haben natürlich einen Ermessensspielraum, doch ihr vorrangiges Anliegen ist es nicht zu sanktionieren. Kein FM, jedenfalls keiner, den ich kenne, setzt sich morgens an seinen Schreibtisch, reibt sich die Hände und freut sich schon aufs Sanktionieren. Im Gegenteil. So etwas erzeugt eher Frust. In erster Linie sollen Menschen in Arbeit vermittelt werden. Die, die ernsthaft an einer Erwerbstätigkeit interessiert sind, sollen dabei unterstützt werden in Arbeit zu kommen und damit nach Möglichkeit aus dem Leistungsbezug. So etwas zu erreichen und von einem Kunden dann eine positive Rückmeldung zu erfahren, ist ein Erfolgserlebnis für jeden FM und motiviert ihn darüber hinaus, selbst mit Freude zur Arbeit zu gehen.

Und 77% der Sanktionen 2018 gehen auf Meldeversäumnisse zurück, also nicht auf Arbeitsverweigerung.
Es ist nicht richtig, dass jedes Meldeversäumnis gleich sanktioniert wird.
Nur, wieso werden Termine nicht eingehalten? Wenn ich arbeitslos wäre, würde ich jeden Termin wahrnehmen wollen, der dazu beitragen könnte, diese Situation zu beenden.

Ärzte stellen neuerdings eine Rechnung aus, wenn ein Termin nicht eingehalten wird, ohne dass er vorher abgesagt wurde. Hierbei spielen zwar eher Kostengründe als soziale Gründe eine Rolle, doch in beiden Fällen ist es sicher nicht zu viel verlangt einen Termin abzusagen, wenn man ihn nicht wahrnehmen kann.

Wenn ein Termin vergeben wurde, ist dieser Zeitraum für andere Personen geblockt.
Warum kann man also nicht absagen, falls man aus irgend einem Grund verhindert ist? Vielleicht wäre eine andere Person gerne an diesem Tag gekommen, wenn die Zeit nicht blockiert gewesen wäre oder hätte den Termin gebraucht, wegen einer dringenden Angelegenheit. Das hat auch mit sozialem Denken zu tun.

Dass viele Milliarden dem Staat z.B. durch Steuerhinterziehung verloren gehen, zeigt im Vergleich, dass hier ebenfalls, gegen die Interessen der Allgemeinheit, soziales Denken außer Acht gelassen wird.
 
  • #35
Ich kann jedem Arbeitslosen nur davon abhalten irgendeinen schlecht bezahlten Job anzunehmen.
Ich habe selbst diese Erfahrung machen müssen. Vor Jahren habe ich einen Arbeit als Nachtwächter angenommen. Nachdem der Laden Pleite ging durfte ich jahrelang meinen ausstehenden Lohn hinterherlaufen. Schlimmer noch die Agentur für Arbeit (ALG1, H4 ist ALG2) hat meinen Wunsch wieder in meinen erlernten Beruf zu arbeiten total ignoriert. Ich bekam von denen nur Vorschläge aus dem Sicherheitsbereich, die ich abgelehnt habe. Selbstverständlich wurde ich dann auch sanktioniert. Denn ich habe eine zumutbare Arbeit abgelehnt. Hätte ich vorher nie als Nachtwächter gearbeitet so wäre mir dies nicht passiert.
Auch bei meinen Bewerbungen kam der Nachtwächterjob nicht gut an. Ich musste viel erklären warum ich diesen Job gemacht habe.
Fazit für mich: Wer einen schlecht bezahlten Drecksjob annimmt muss damit rechnen, dass er da nur schwer wieder rauskommt.
 
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  • #36
Und wenn es nur einer ist, der wie @Berlinerin73 öffentlich bekennt "Ich bin doch nicht blöd und nehme jede Arbeit", dann ist es einer zu viel. Das ist nicht entschuldbar, mit dem Argument kannst Du auch die katholische Kirche vom Missbrauchsskandal reinwaschen.
Ich will auch nichts reinwaschen, schon gar nicht Missbrauch. Ich hab die Verhältnismäßigkeit aufzeigen wollen.
Es ging mir nicht um den, der wirklich aus Bequemlichkeit dem Staat auf der Tasche liegt, sondern um die vielen anderen, die aber kaum noch vorkommen im Bild "arbeitslos", sobald das Thema aufkommt, oder wenn eben solche Beiträge, die hier nun die Debatte auslösten, kommen. Das Hängemattentypverhalten heiße ich auch nicht gut, wobei mir da aber anderes einfällt, was Steuergeld betrifft, und das mich wirklich aufregt.

Leider prägen diese wenigen eben das Gesamtbild und das ist das eigentliche Problem.
Genau darum geht es mir.
Und dass die das Gesamtbild prägen, liegt aber nicht an denen, sondern wie es lange Zeit vermittelt wurde in den Medien und wie das vom Publikum aufgenommen wurde.
Mit anderen Worten: Es liegt an jedem selbst, ob er das Bild so undifferenziert übernimmt und so denkt und redet, also gleich beim Wort "arbeitslos" die Alarmglocken "vielleicht Sozialschmarotzer" angehen, oder nicht.

Den Missbrauchsvergleich finde ich unpassend, aber dazu: Ich fänd es auch schlimm, wenn die Missbraucher in der Kirche das Bild der Kirche nun so in den Köpfen manifestieren, dass nun automatisch davon ausgegangen wird, dass alle Priester Kinder missbrauchen, und dann auch offen so geredet wird, sobald das Thema "Priester" irgendwie aufkommt, so dass sich der Betroffene dann rechtfertigen müsste. Ich fänd auch schrecklich, wenn Menschen, die als Kind/Jugendlicher Messdiener waren oder irgendwas mit Priestern zu tun hatten, gleich gefragt werden, ob sie missbraucht wurden, da das Bild der Kirche ja so sehr geprägt sei durch Missbrauch.

Das bringt mich auch zu dem Thema "Grenze" und "Grenzüberschreitungen". Z.B. Leuten, die arbeitslos sind oder von Arbeitslosen schreiben, zu sagen, man fänd doch immer irgendeine Hilfsarbeit u/o "der will nur nicht" zu sagen, was auch schon mal passiert. Als hätte ein anderer das Wissen, sich über die Person zu erheben, nur weil sie arbeitslos ist, und ihr zu sagen, was sie KÖNNTE, wenn sie WOLLTE, ohne groß Infos über denjenigen zu haben.
Nur mal so als Gedanke, dass so geschrieben wird, wird immer passieren. Ist ja auch bei anderen Themen so (Abnehmen z.B.).
 
  • #37
Aber wenn ich es wäre dann würde ich nicht kellnern gehen. Das kannst du jetzt schlecht finden wie du willst, aber ich hätte auch meinen Stolz und würde solche Arbeiten nicht machen.
Richtig. Ich würde es auch nicht tun, sondern meine volle Kraft und Aufmerksamkeit in die Suche nach einer Aufgabe stecken, die mir angemessen ist. Auch wenn sie anfangs gering oder gar nicht bezahlt wäre, auch wenn das Amt mich sanktionieren würde, weil ich nicht an sinnlosen Maßnahmen teilnehme oder mich nicht bei Firmen vorstelle, bei denen ich weiß, daß beide Seiten mit dem Gespräch nur ihre Zeit verschwenden.

Was mich bei unserem Kandidaten konkret interessieren würde ist, wie und womit er denn seine Tage zubringt: übernimmt er ehrenamtliche Aufgaben, bildet er sich fort, geht er kulturellen Interessen nach? Oder hängt er einfach nur zuhause ab und bejammert seine Situation?
 
  • #38
Nur, wieso werden Termine nicht eingehalten? Wenn ich arbeitslos wäre, würde ich jeden Termin wahrnehmen wollen, der dazu beitragen könnte, diese Situation zu beenden.
Keine Ahnung, manchmal ist früh ein Brief im Kasten für einen Termin nachmittags, war mal in einem Bericht zu sehen. Ein anderer hatte eine angemeldete Arbeit, der er am Vormittag nachging, und das wusste der Amtsangestellte genau. Ich kann aber nicht mehr sagen, warum der nicht abgesagt hatte, ich meine, da war der Brief auch am selben Tag im Kasten, aber weiß ich nicht mehr.
Keine Ahnung, wie oft sowas vorkommt. Vielleicht ist so ein Brief auch für manche ein Angstbrief und die Leute wollen ihn nicht gleich aufmachen, oder es sind auch Ignoranten dabei.
Dass nicht jedes Versäumnis sanktioniert wird, weiß ich. Darum ging es mir nicht, ich wollte nur aufzeigen, dass bei den 3,1% nicht das Gros sich einer Arbeitsstelle verweigert hat (das wird den Arbeitslosen ja am meisten unterstellt: Wollen nicht arbeiten, werden daher bestraft), sondern ein Meldeversäumnis beging.

WIE Briefe vom Amt aussehen und wie sie gleich dem Empfänger die Schuld an irgendwas unterstellen, habe ich schwarz-auf-weiß gesehen, weil in meiner Verwandtschaft ein Arbeitsloser ist. Da ging es darum, dass er angeblich nicht sofort eine Änderung bei irgendwelchen Zahlungen gemeldet hätte und sich damit Leistungen unrechtmäßig angeeignet hat, was nicht stimmt. Er hatte es sogleich gemeldet, dass eine Mehrzahlung stattgefunden hatte.

Und dann ist da noch das, was @godot beschrieb: Wenn einer einmal einen niederen Job angenommen hat, ist er in dieser Schublade und kriegt nix mehr, was adäquat ist zu dem, was er eigentlich anstrebt und machen könnte.

Was die Angestellten des Amtes angeht - es wird solche und solche geben. Bei dem Amt, wo mein Bekannter arbeitet, bekam er selbst Stress, wenn er den Ermessensspielraum ausreizte. Es ging ums Geld und um Sanktionen.
 
  • #39
Eure Probleme lassen sich nicht ad hoc lösen, dein Freund ist mindestens 5 Jahre, wenn nicht schon länger, arbeitslos und jetzt 59 Jahre alt.
Auf dem Arbeitsmarkt ist schwer, unqualifizierte und schlecht bezahlte Jobs kleben im Lebenslauf wie Griesbrei. Und mal in der Theorie, er findet irgendeinen HiWi-Job, so müsste er, neben diesem mitunter stressigen Job, auch mit ganzen Fahrtzeiten, die Geduld, Zuversicht und Zeit finden, sich weiterzubewerben, wenn noch mehr Geld und eine bessere Erwerbstätigkeit nachkommen soll. Trotzdem würde es dann bei Euch bei einer Fernbeziehung bleiben, wo dass Geld durch die Pendelei zwischen den Städten und Euren gemeinsamen Treffen schnell aufgebraucht sein würde. Dann musst Du ihm zeitweise auch wieder unter die Arme greifen oder ausgleichen.
Auch ist euer Einkommensgefälle groß genug, dass es weiterhin zu Missverständnissen und Begehrlichkeiten zwischen Euch kommen wird.
Ich sehe keine Zukunft bei Euch, Du Lehrerin in Berlin und er verankert in Rheinland-Pfalz. Warum soll er nach Berlin ziehen, sein Umfeld aufgeben, um dort mit fast 60 ungewiss neu zu starten oder dann dort nur weiterhin Sozialleistungen zu beziehen?
Ich kenne nur einen Menschen, der mit Zähigkeit, nahezu Verbissenheit und Ausdauer, sich nach 4 Jahren Arbeitslosigkeit im Alter von 61 Jahren in den Arbeitsmarkt zurück gekämpft hat. Er hat sich auch unter Wert verkauft, war früher mittlere Führungskraft in einem Spezialbereich (enger oligopolistischer Markt) und dann Aussendienstmitarbeiter in der gleichen Branche.
Eine Frau mit sechzig hatte Glück, nach einem Jahr in Zeitarbeit, an eine Festanstellung zu kommen, eher zufällig. Sie wurde Empfangsdame, da die viel jüngere Mitarbeiterin, nach ihrer Elternzeit nicht mehr dorthin zurück wollte und gekündigt hatte.
Es ist reichlich schwer in dem Alter beruflich Fuß zu fassen, wenn der Lebenslauf eine längere Lücke aufweist. Die wenigsten Arbeitgeber fragen nach Gründen oder geben Langzeitarbeitslosen eine Chance, sich zu bewähren.
 
  • #40
Ich besitze einen Doktortitel und mehrere Firmen, ich bin nicht arbeitslos. Aber wenn ich es wäre dann würde ich nicht kellnern gehen. Das kannst du jetzt schlecht finden wie du willst, aber ich hätte auch meinen Stolz und würde solche Arbeiten nicht machen.

Für mich ist Kellnern hier ein Beispiel und Du auch. Es geht um die grundsätzliche Bereitschaft, arbeiten zu gehen, abhängig von den eigenen Fähigkeiten. Das ist eine Frage der Einstellung. Und nicht umsonst wird bei Arbeitslosigkeit erwartet, dass jemand irgendwann auch etwas unter der eigenen Qualifikation arbeitet.

Und ob Du dann Schuhe verkaufst, Nachhilfe gibst, Dich irgendwie wieder selbstständig machst oder mit Spezialkenntnissen Dein Geld verdienst ist mir egal, solange Du bei Arbeitslosigkeit mit Anfang 50 nicht einfach bei H4 auf die Rente wartest. Und wenn Du es doch tust, darfst Du Dich eben nicht wundern, wenn eine Beziehung mit der FS nicht funktioniert, weil sie sich ausgenutzt fühlt wie vielleicht ich als Steuerzahler auch.

Bei Selbstständigen ist da auch ein schönes Beispiel, dass Doktortitel und mehrere Firmen nicht bei allen dazu führen, dass sie für Alter oder Phasen mit weniger Aufträgen vorsorgen. Die Erwartung, dass dann wieder die Allgemeinheit unterstützt, finde ich auch angebracht. Für mich beruht unser Sozialstaat auf Solidarität und Subsidarität. Jede Beziehung irgendwie auch. Mir ist das im Gegensatz zu Dir eben nicht egal.
 
  • #41
Bezogen auf die Ausgangsfrage: natürlich kenne ich Menschen, die arbeitslos waren und sich in Ruhe einen adäquaten Job gesucht haben. Ist auch völlig in Ordnung.
Wenn sich jemand mit Anfang 50 nicht aktiv darum kümmert und die Institution Staat nicht erwarten würde, dass jemand nach Jahren auch Jobs unterhalb des eigenen Qualifikationsniveaus annimmt, fände ich das ungerecht. Daraus pauschal auf alle Menschen Anfang 50 zu schließen, ist natürlich Unsinn.
Es geht hier ja um einen konkreten Mann, der konkret der FS nach ihrem Empfinden auf der Tasche liegt und wohl auch in Bezug auf eine gemeinsame Zukunft eher unflexibel ist. Und da steht „Kellnern“ für: Leiste Deinen Beitrag dazu, dass unsere Beziehung funktioniert.
 
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  • #42
Vielleicht ist so ein Brief auch für manche ein Angstbrief und die Leute wollen ihn nicht gleich aufmachen, oder es sind auch Ignoranten dabei.

Ja, das mit den Angstbriefen ist so eine Sache.
Mir hat mal eine Mutter erzählt, dass ihr Sohn, wenn ein Brief vom Jobcenter kam, zuerst zur Flasche greifen musste und deswegen zum Alkoholiker geworden wäre. Das wäre allein die Schuld vom Amt. Nur warum hat man Angst, einen Brief aufzumachen?
Im Grunde handelt es sich um einen normalen Schriftverkehr, auf den man entsprechend reagieren kann. Wie z.B. bei deinem Verwandten, der angeblich eine Änderung nicht rechtzeitig gemeldet hätte. Ist ein beschriebener Vorgang nicht berechtigt, gibt man dazu Stellung und klärt die Sache. Manchmal überschneiden sich Schreiben, manchmal wurde einer Abteilung von der anderen eine Änderung noch nicht mitgeteilt, aus welchen Gründen auch immer oder es wurden Fehler gemacht, was überall passieren kann, wo Menschen arbeiten. Widerspruch heißt hier das Zauberwort oder ggf. Dienstaufsichtsbeschwerde.
Fakt ist, dass sich alles regeln lässt. Es ist nicht so, dass ein Leistungsbezieher keine Möglichkeit hätte, seine Interessen zu wahren. Er kann mit Beratungsschein jederzeit anwaltliche Hilfe in Anspruch nehmen und ein Antwortschreiben vom Rechtsanwalt senden lassen, Akteneinsicht verlangen, Prozesskostenhilfe beantragen.
Auseinandersetzungen, welcher Art auch immer, sind zwar nicht angenehm, doch im Berufsleben läuft auch nicht immer alles rund, egal ob angestellt oder selbständig, so dass man sich behaupten oder Dinge klären muss. Durch alles, was uns passiert, ob angenehm oder unangenehm, lernen wir dazu.

Was Sanktionen angeht, so müssen sie immer begründet sein. Wenn ein Brief mal zu spät eintrifft oder man zu der Zeit auf einer Arbeit war oder beim Arzt oder sonst wo, was eben dringender war, ist das mit Sicherheit kein Grund. Hier wären Sanktionen unnötiger Papierkram, weil diese bei einem Widerspruch nicht haltbar wären und zurückgenommen werden müssten.
Es gibt natürlich immer zwei Seiten zu berücksichtigen, wie bei allem. Nach etlichen Jahren im Beruf kann man allerdings einschätzen, wer einem was vom Pferd erzählt und meint, sein Gegenüber wäre nicht in der Lage, das zu bemerken oder wer offen über seine Probleme spricht und dazu steht, damit man ihm auch helfen kann.
 
  • #43
Schlimmer noch die Agentur für Arbeit (ALG1, H4 ist ALG2) hat meinen Wunsch wieder in meinen erlernten Beruf zu arbeiten total ignoriert. Ich bekam von denen nur Vorschläge aus dem Sicherheitsbereich, die ich abgelehnt habe. Selbstverständlich wurde ich dann auch sanktioniert. Denn ich habe eine zumutbare Arbeit abgelehnt. Hätte ich vorher nie als Nachtwächter gearbeitet so wäre mir dies nicht passiert.
Auch bei meinen Bewerbungen kam der Nachtwächterjob nicht gut an. Ich musste viel erklären warum ich diesen Job gemacht habe.
Fazit für mich: Wer einen schlecht bezahlten Drecksjob annimmt muss damit rechnen, dass er da nur schwer wieder rauskommt.

Vom Amt kann man natürlich nur bekommen, wenn das, was adäquat zur Qualifikation ist, dort als Stellenangebot vorliegt.
Es ist kein Geheimnis, dass viele Arbeitgeber dem Amt keine offenen Stellen mitteilen, weniger der Agentur für Arbeit, als insbesondere dem Jobcenter, weil sie mit Leistungsbeziehern von dort keine guten Erfahrungen gemacht haben und deshalb keine mehr wollen.

Das bedeutet nicht, dass es solche Stellenangebote nicht gibt. Man muss sich nur selber darum bemühen. Eigeninitiative ist hier das Zauberwort und diese macht bei Arbeitgebern immer einen guten Eindruck.
Ich weiß, wovon ich rede, weil ich selber eine Zeitlang arbeitslos war, nachdem die Firma, bei der ich gearbeitet habe, Insolvenz anmelden musste. Was ich an Angeboten von der Agentur für Arbeit bekam, entsprach nicht dem, was ich mir vorstellte.
Die Stelle, die zu meiner Qualifikation passte und die ich wollte, habe ich mir selber gesucht und bekommen. Trotz einem "niederen Job", den ich bis dahin zwischenzeitlich ausgeübt hatte und trotz der Tatsache, dass ich nicht mehr die Jüngste war.

Ich kann dazu zwei Bücher empfehlen, nach denen ich vorgegangen bin und Erfolg hatte:
„Durchstarten zum Traumjob: Das Bewerbungshandbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger „von Richars Nelson Bolles und „Der Job, der zu mir passt: Das eigene Berufsziel entdecken und erreichen“, von Uta Glaubitz.

Frau Glaubitz habe ich damals nach meiner Einstellung eine Mail geschickt und mich für ihre tollen Tipps bedankt, weil diese mir dabei geholfen hatten, genau den Job zu finden, der mir mehr Spaß machte, als alle anderen vorher.

Es heißt zwar, das Leben wäre kein Wunschkonzert, doch man kann viele seiner Wunschziele im Leben erreichen, wenn man sich dahinter klemmt und kann viel Spaß haben, - mit Menschen, die man mag, mit einer schönen Wohnung oder Haus/ Auto/ Urlauben und mit einer Arbeit, für die man jeden Tag gerne aufsteht. Meiner Ansicht nach hat das jeder selbst in der Hand. Man kann sein Schicksal auch jeden Tag bejammern. Doch das war für mich nie eine Alternative.
 
  • #44
Hey,
Um noch mal auf das Problem der FS zurückzukommen...
Was ich mit dem Beispiel meines Vaters sagen wollte - er hat seine Möglichkeiten genutzt - in seiner Situation hätte er sonst einfach gar nichts bekommen, er war aber nie in irgendeiner beruflichen "Elite", sondern seine Ausbildungen (sic!) sind heute redundant geworden.
Der Partner der FS hat sicher mehr Möglichkeiten, nicht nur Kellner, aber wer will, findet Wege, und es geht ja nur drum, erstmal in einem Ort zu leben (Wohnung müsste ja nicht sofort geteilt werden). Ich kenne es auch eher so, dass man sich selbst um gute Jobs kümmern muss, nicht auf irgendejn Amt warten. D.h. wenn er erst mal in Berlin Fuß gefasst hätte, könnte er immer noch sich selbst um höhere Jobs bewerben, auch wenn die Chancen schlecht sind. Aber er will nicht. Ich würde den aktuellen Kellnerjob auch nicht im CV erwähnen.
Also, ich bin immer noch überzeugt, wir leben in einem Land mit vielen Möglichkeiten, aber ob man für die Beziehung alles stehen und liegen lässt, entscheiden dann im vorliegenden Fall die fehlenden Gefühle.
 
  • #45
Nur warum hat man Angst, einen Brief aufzumachen?
Wie soll man das erklären? Ich war nun noch nie in dieser Lage, aber ich bekam es nur nebenher mit. Bei meinem Verwandten ist es auch nicht so, die Briefe werden sofort geöffnet.

Ich vermute mal, dass das meiste Vorladungen zu einem Gespräch sind und das viele Leute Gespräche dort schrecklich finden. Erwachsene Menschen sitzen wie in Bittstellerposition vor anderen erwachsenen Menschen, Fremden, und müssen sich erklären. Je nachdem, wie nett der Bearbeiter ist, ist das Gespräch. Ich kenne noch einen anderen Mann, der jedesmal Hassgefühle bekam, weil ihn sein Sachbearbeiter spüren ließ, dass er die Macht hatte, ihm das Leben schwer zu machen.
Wir reden hier auch nicht davon, dass man eben mal einen Monat nicht so oft Champagner trinken kann, wenn einem der GRUNDbedarf gekürzt wird.

Ich vermute auch, dass durch das unsägliche Amtsdeutsch Betreffende Probleme bekommen. Beim "Beschuldigungsbrief" musste die beschuldigende Formulierung auseinanderklamüsert werden. Die Bedeutung erschließt sich nicht so einfach. Dann mussten die Paragraphen studiert werden, nach denen der angebliche Verstoß passiert ist. Dann: WIE kann man beweisen, dass das, was behauptet wurde, nicht stimmt. Der Betroffene hatte sich nicht einen Eingangsstempel seiner abgegebenen Unterlagen geholt, sondern sie mit einem korrekten Anschreiben in den Briefkasten gesteckt.
Es ging nicht mal um eine Kürzung des Betrages, es ging einfach darum, dass alles vom Betreffenden korrekt gemacht wurde, aber mal eben die Unterstellung im Raum stand, es wurde mit Absicht ein Geldbetrag "erschlichen". Das will ja niemand auf sich sitzen lassen, der sich Mühe gibt, alles richtig zu machen, und schon ein Problem damit hat, "vom Staat" Geld "geschenkt" zu kriegen, das für sein Leben wichtig ist. Den Stempel, der in den Köpfen der Leute ist, einen arbeitslosen Menschen als Menschen zweiter, dritter, x-ter Klasse zu sehen, spüren ja auch Arbeitslose.
Widerspruch heißt hier das Zauberwort oder ggf. Dienstaufsichtsbeschwerde.
Klar wurde widersprochen. Das ist nicht der Punkt. Es ist die Stigmatisierung in der Gesellschaft und die Art, wie diese Schreiben sind und dass eben damit gedroht wird, das Geld zu kürzen. Wer wirklich niemanden hat, der in dem Fall ein bisschen unter die Arme greifen könnte, der hat das Gefühl er lebt "morgen" als Obdachloser. Und selbst wenn der AL Recht bekommt - wenn ihm vorher erstmal das Geld gekürzt wird, muss er ja bis zur Nachzahlung "überleben" wie bislang.

Du gehst in Deinem Beitrag davon aus, als würde ein arbeitender Mensch einen Amtsbrief bekommen. Dem ist nicht so. Wir haben ein anderes Grund-Lebensgefühl, was "IN der Gesellschaft sein" bedeutet. Es macht psychisch was mit manchen/vielen Menschen, wenn sie "rausfallen". Sie fühlen sich nicht gleichauf mit dem Rest der Leute und werden auch oft so nicht behandelt.
 
  • #46
Und ob Du dann Schuhe verkaufst, Nachhilfe gibst, Dich irgendwie wieder selbstständig machst oder mit Spezialkenntnissen Dein Geld verdienst ist mir egal, solange Du bei Arbeitslosigkeit mit Anfang 50 nicht einfach bei H4 auf die Rente wartest. Und wenn Du es doch tust, darfst Du Dich eben nicht wundern, wenn eine Beziehung mit der FS nicht funktioniert, weil sie sich ausgenutzt fühlt wie vielleicht ich als Steuerzahler auch.
Siehst du und dazu wäre ich eben nicht bereit. Ich würde mich weigern, solche Jobs anzunehmen und wenn ich mit Anfang 50 arbeitslos wäre, ja, da würde ich auf die Rente warten und da wäre es mir egal, ob sich da irgendwer als Steuerzahler ausgenutzt fühlt, schließlich hätte ich bis dahin schon genügend Steuern gezahlt und da kann man auch mal selbst was aus dem Töpfchen entnehmen.

Die FS muss sich nicht ausgenutzt fühlen, da sie ja nicht verpflichtet ist, ihm irgendwas zu geben. Wenn sie nun selbst Wert auf teure Anschaffungen oder Reisen legt, die er nicht bezahlen kann, dann hat sie natürlich ein Problem, aber das sind ja Dinge, die nicht unbedingt sein müssen und die auch sonst gar nicht unbedingt jeder haben wöllte. Wenn ich morgen Lust hätte, mir einen Porsche zu kaufen, kann ich auch nicht von meinem Partner verlangen, dass er sich daran beteiligt.
 
  • #47
Ich hatte mal eine Zeit, da habe ich auch jene Briefe mehr geöffnet .
Schublade auf, rein. Weg.
Aufgewacht bin ich zum Glück schnell, weil mir der Strom abgestellt wurde.

Aber es gab dann Jahre später mal wieder eine Zeit, wo ich mich selbst disziplinieren musste.
Tagesplan - Briefkasten leeren, alle Briefe öffnen, nicht weglegen, sondern konsequent jeden Morgen erledigen. Ohne Nachzudenken.
Nicht Aufschieben, nicht vermeiden.
Das kann richtig schwierig werden, ich bin Menschen begegnet, die hatten Wäschekörbe voll Post.
Es klingt nicht vorstellbar, aber wenn jeder Tag gefühlt ein sinnloser Kampf ist, dann legt man weg. Wenn dann schon wieder ein amtlicher Brief kommt, ist es scheinbar der einfachere Weg, dürre Augen zuzulassen, weil für Anderes die Kraft fehlt.

Und andere sind einfach nachlässig - mache ich morgen. Ohne bösen Willen. Und morgen ist es vergessen.

Ich fand die Atmosphäre auf den Arbeitsämtern immer eher frustrierend , als motivierend. Als ob man am Ende angekommen ist, Mensch 2. Klasse.
Meine Jobs habe ich immer selbst gefunden.
Aber es gibt auch engagierte Berater.

W,49
 
  • #48
Erwachsene Menschen sitzen wie in Bittstellerposition vor anderen erwachsenen Menschen, Fremden, und müssen sich erklären. Je nachdem, wie nett der Bearbeiter ist, ist das Gespräch.
Das sollte natürlich nicht sein. Die Menschenwürde ist unantastbar und das muss ebenso für den Arbeitslosen gelten, wie für den Privatbanking-Kunden. Die Agentur für Arbeit hat einen sehr strengen Verhaltenskodex, was den Umgang mit Kunden angeht. Bei manchen Jobcentern scheint das leider nicht so zu sein, was ich sehr schade finde. Aber man muss sich ein unangebrachtes Verhalten von einem Sachbearbeiter nicht gefallen lassen.

Ich vermute auch, dass durch das unsägliche Amtsdeutsch Betreffende Probleme bekommen. ... Die Bedeutung erschließt sich nicht so einfach.

Wer wirklich niemanden hat, der in dem Fall ein bisschen unter die Arme greifen könnte, der hat das Gefühl er lebt "morgen" als Obdachloser. Und selbst wenn der AL Recht bekommt - wenn ihm vorher erstmal das Geld gekürzt wird, muss er ja bis zur Nachzahlung "überleben" wie bislang.
Auch hier kann ein Betroffener sich Hilfe holen.
Es gibt verschiedene Beratungsstellen, z.B. bei der Caritas. Die helfen beim Ausfüllen der Anträge, beim Verstehen und der Beantwortung von Schreiben und begleiten auf Wunsch zu Terminen.
Zahlt das Jobcenter nicht, kann der Leistungsbezieher zum Sozialgericht, das per Schnellentscheid dafür sorgen kann, dass sofort eine Auszahlung erfolgt. Meist reicht es aber schon das Sozialgericht zu erwähnen und dann geht die Bearbeitung ganz schnell. Ebenso schnell wirkt ein Schreiben vom Anwalt oder ein Schreiben von einer Beratungsstelle. Niemand muss sich alleingelassen fühlen, er muss nur wissen, wo er sich Hilfe holen kann.

Den Stempel, der in den Köpfen der Leute ist, einen arbeitslosen Menschen als Menschen zweiter, dritter, x-ter Klasse zu sehen, spüren ja auch Arbeitslose.

Menschen sehen einen so, wie man sich selbst fühlt und was man ausstrahlt. Ich habe mich jedenfalls als Arbeitslose nie als Mensch zweiter Klasse gesehen. Demzufolge bin ich auch nicht so behandelt worden. Ich war während dieser Zeit aber auch rund um die Uhr so beschäftigt mit Nebenverdienst und Sprachkursen, dass ich mich nie arbeitslos fühlen konnte.

Ja, ich weiß, nicht für jeden ist es so einfach, Änderungen im Leben hinzunehmen oder zu verkraften und sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Menschen, die sich überfordert fühlen, was den Umgang mit den Ämtern angeht, sollten deshalb Hilfe in Anspruch nehmen. Dann wird Vieles leichter und übersichtlicher.

Bei meinem Hausarzt lag kürzlich ein Flyer an der Rezeption, mit dem Artikel: Arbeitslosigkeit macht krank. Da ist sicher was dran.
Um so wichtiger ist es, sich selbst nicht aufzugeben.
 
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