• #1

Beziehung mit chronisch Kranken oder Behinderten?

Mich würden eure Erfahrungen mit Beziehungen interessieren, bei denen ein Partner gesund und der andere gesundheitlich deutlich eingeschränkt ist (chronisch krank, behindert, extremes Übergewicht). Welche Handicaps waren das? Wie sind die Partner damit zurecht gekommen? Was lief gut, was lief schief? Welche Klippen sind zu meistern, welche Kompromisse erforderlich?
 
G

Ga_ui

  • #2
Ganz ehrlich, für mich käme das alles nicht in Frage. Es fällt schon bei gesunden Menschen schwer, jemanden zu finden, der ähnliche Interessen und Aktivitäten teilt, ohne dass man sich permanent gegenseitig auf den Schlips tritt. Mit Einschränkungen ist ja dann gar nichts mehr möglich! Und das ist nur ehrlich. Ich glaube, jedem anderen geht es genauso (wenn man sich jetzt nicht zufällig Hals über Kopf verliebt, aber ich bin da eher rational und denke vorher nach, bevor ich meinen Kopf verliere). Man kann zwar eine Freundschaft führen, aber wenn da gewisse Unterschiede oder Barrieren sind, kommt man einfach nicht zusammen.

Ich habe schon diverse kranke Menschen und Tiere gepflegt und weiß auch, was für ein Job das ist, der an die Substanz geht und was man dafür aufgeben muss. (Reisen z.B. habe ich 17 Jahre lang deswegen nicht gemacht) Ich war auch schon mit psychisch Kranken zusammen (Depression, Borderline, Gewalt, etc.). Bei Übergewicht heißt das Alltagsprogramm dann: Fernsehgucken und viel Essen. Das ist ja gar nicht mein Lifestyle. Hat aber nichts mit der Person oder deren Übergewicht zu tun, ode dass ich sie nicht mögen würde, nur als Partner eben nicht das Passende.
 
  • #3
Mein Man hat MS, auch schon als wir uns kennenlernten. Ich komme aus dem medizinischen Bereich und kann mit dem Thema gut umgehen. Rollstuhl, Inkontinenz oder potenzfördernde Mittel sind für mich kein Problem. Ich sehe das als gegeben an, sozusagen eine Eigenheit, die der Mensch nun mal hat. Für mich von Anfang an kein Problem, damit umzugehen. Bevor jetzt Mutmaßungen über ein Helfersyndrom kommen: nicht vorhanden. Ich liebe ihn so, wie er ist, und er ist der liebenswerteste und zärtlichste Mann auf der ganzen Welt. Behinderungen sind bei Liebe relativ.
Kompromisse sind insoweit erforderlich, dass z.B. Reisen gut geplant werden müssen. Es ist wichtig zu wissen, wie weit der Weg von der U-Bahn zum Lokal ist. Die Krankheit bestimmt, wir müssen uns danach richten. Aber es gibt deutlich Schlimmeres: ein Leben ohne ihn.
 
  • #4
Die Frage ist nicht präzise genug. Körperlich oder seelisch krank? Das ist ein Unterschied. Du wirfst ja schon Übergewichtige in diesen Topf.
 
  • #5
Ich denke, es ist ein Unterschied, ob z.B. eine Behinderung während einer bestehenden Beziehung eingetreten ist oder ob man den Partner bereits mit einer Behinderung kennengelernt hat.
Den ersten Fall habe ich in meinem Bekanntenkreis miterlebt zur Studiumzeit, also man war jung noch, die Beziehung hatte insgesamt 7 Monate nach dem Unfall "überlebt", danach wollte und könnte diejenige nicht mehr und hat die Beziehung beendet.
Sie war überfördert mit dem Freund, der durch einen Autounfall zum Rollstuhlfahrer wurde. Sie meinte damals, er hätte sich verändert und sie käme damit nicht klar.

Ich persönlich (w43) kennete ein Paar:
Der Mann ein Rollstuhlfahrer gebildet und berufstätig (49) seine Partnerin (44) übergewichtig, im sozialen Bereich tätig, leidend an einem Übermaß an Hilfssyndrom lt. ihrem Exmann, ein Arbeitskolkege von mir.
Die Beziehung der beiden dauerte insgesamt ca. acht Jahren, sind aber seit 17 Jahren geschieden, sie bekamen einen Sohn (23). Erstaunlicherweise hatte hier der Mann große Schwierigkeiten mit seiner - nicht behinderten- Frau, denn sie könnte ihn nicht ganz bewusst als vollwertig wahrnehmen und meinte ihn bemüttern zu wollen und vor allem die wüsste immer alles besser und hat versucht ihren Mann ständig zu therapieren! Der hat sich dann getrennt und kurz darauf die Scheidung eingereicht. Der Sohn war 4,5 Jahre alt damals und hat es vor fast zwei Jahren geschafft von der Mutter los zu kommen und endlich ein unabhängiges und vor allem ein selbstständiges Leben zu führen, dank seinem Vater u.a.
Ich hoffe, ich könnte dir helfen.
 
  • #6
Die Frage ist nicht präzise genug. Körperlich oder seelisch krank? Das ist ein Unterschied. Du wirfst ja schon Übergewichtige in diesen Topf.
Daran musste ich bei der Frage auch denken!

Naja, ich finde Übergewicht zum teil schlimmer als einige Behinderungen. Chronisch krank sind schon Menschen die jeden Tag was gegen ihren hohen Blutdruck nähmen.

Die FS sollte nach eine bestimmten Krankheit oder Behinderung fragen, denn ich kenne in meinem Umfeld keinen Menschen, der 100% gesund ist. Der nicht hier oder da, ein kleines Zipperlein hat.

Z.B. ein sehr kurzsichtiger Mensch, der ist ohne seine Brille hilflos.

Also wo setzt man die Messlatte an!
 
A

ak18

  • #7
Die Frage ist, wie lange die Partnerschaft schon dauert, ob die "Krankheit" heilbar oder unheilbar ist oder ob der Partner willens ist dagegen anzugehen.

Nach einer kurzen Beziehung mit einer Borderlinerin, war ich froh heil rausgekommen zu sein.

Bei einer Erkrankung des Partners nach langjähriger Partnerschaft kommt eine Trennung für mich nicht in Frage! Egal wie (z.B. bei Krebs) die Prognose ist.

Wenn ein Partner sich gehen lässt langweilig und fett wird, während der andere sportlich und aktiv ist, ist es wohl die Frage, ob sie sich nicht schon auseinandergelebt haben.

Alle anderen "Krankheiten", die den erwarteten Lebensstil nicht behindern, wären für mich kein Grund eine Beziehung nicht einzugehen.
 
  • #8
Ich würde das ziemlich differenziert sehen, um welche Eigenschaft es sich bei dem Mann handelt und wie gut sein Leben zu mir und meinem Leben passt.

Du hast Übergewicht erwähnt: Unsportlichkeit wäre für mich ein großes Problem, weil ich mich selbst sehr gern im Freien aufhalte und am Wochenende am liebsten in die Berge oder an einen See fahre. Still sitzen ist nichts für mich, so bin ich nun mal. Bei diesem Aspekt ist wohl "Gleich und Gleich gesellt sich" ganz zutreffend.

Mir fallen in meinem Bekanntenkreis zwei Leute ein, der eine ist taubstumm, der andere farbenblind. Da muss ich mich drauf einstellen, aber das ist für mich kein Problem.

Menschen mit psychischen Störungen müssen einen guten Therapeuten haben und ggf. auch gut eingestellt sein - Beziehungen jeglicher Art klappen meiner Meinung nach nur, wenn sie ihre Krankheit nicht soweit nach außen tragen, dass es den anderen mitzieht.
 
  • #9
..also erstmal - für eine chronische Krankheit oder eine Behinderung kann man üblicherweise nichts - an Übergewicht ist man selbst schuld. Daher passt das nicht, das in einen Topf zu werfen.

Ausserdem muss man sicher differenzieren, ob man jemanden schon vorher kennengelernt hat und die Krankheit/Behinderung in der Beziehung aufgetreten ist oder nicht. Im ersten Fall gebietet es der Anstand, beim Partner zu bleiben - war da nicht was von "in guten und in schlechten Zeiten" ?

Lerne ich jemanden kennen, der krank oder behindert ist, käme es auf die Behinderung an - ich hätte kein Problem mit einem Diabetiker oder z.B. jemandem mit einer Arm/Beinprothese. Aber ein Tetraplegiker wäre für mich als sehr aktiver Mensch sicher nichts ...
 
  • #10
Bin eigentlich nur stiller mitleser, aber dieses Thema geht mir recht nah. Kann daher von meiner Schwester berichten: diese hat vor 6 Jahren ihren Mann kennengelernt. Diesem wurde nach etwa 2 Jahren eine Nierendysfunktion diagnostiziert. Da brach eine ziemlich dunkle Zeit an, die Nieren versagten innerhalb von 4 Monaten komplett ihren Dienst was dazu führte das er regelmäßig zur Dialyse musste. Viele Nebenwirkungen (durfte ihn einmal mitten in der Nacht ins Krankenhaus fahren weil er nur noch Blut gespuckt hat, meine Schwester aufgelöst und er mochte auch nicht mehr wirklich), viele krankenhausaufenthalte, kaum noch arbeitsfähig, mir brach es damals fast das Herz er war gefühlt um 15-20 Jahre gealtert. Meine Schwester "entwickelte" Diabetes Typ 1 in diesem Zeitraum der Arzt meinte aufgrund von starken seelischen Stress.

Mein Vater spendete ihm dann bald eine Niere, ab da ging es aufwärts. Ein Jahr später heirateten sie. In den flitterwochen erkrankte er leider wieder schwer. Die beiden haben nicht wirklich Glück. Unsere gesamte Familie hatte schon immer starke Bande, das alles hat uns noch näher zusammen gebracht. Mein Schwager muss jeden Tag einen Haufen Tabletten einwerfen und möglichst auf sich aufpassen was Krankheiten angeht (die Tabletten unterdrücken das Immunsystem damit die Niere nicht abgestoßen wird). Meine Schwester muss sich Insulin spritzen. In der Familie nennen wir sie liebevoll unsere beiden "behindis". Meine Schwester erwartet nächsten Monat ihr erstes Kind und ist momentan sehr glücklich. Als das angefangen hat konnte sie sich nie vorstellen das sie je zur Ruhe kommen würde. Das musste sie revidieren.

"egal wie schlimm etwas ist, man kann immer etwas tuen."

Meine damalige Freundin, nun ex, hat damals gesagt sie könne nie mit einem kranken Mann zusammen sein, wo man soviel Rücksicht nehmen muss. Letztendlich passte diese selbstbezogene Einstellung auch zu ihrem Charakter.

Mein Fazit: wenn menschlich alles passt, und optimaler weise noch eine Familie stärkend beisteht kann man viele Hindernisse überwinden. Im Zweifelsfall dem Mensch einfach eine Chance geben, wenn es nicht geht, geht es halt nicht. Nur weil jemand eine Krankheit oder Behinderung hat muss man ihn nicht mit samthandschuhen anfassen.

Bisschen lang geworden entschuldigt.

Styx, 25 m
 
  • #11
Hhm... Du bleibst sehr unbestimmt.

Ich meine, dass im Laufe des Lebens immer mehr Zipperlein dazu kommen.

Ich sehe in meinem Umfeld relativ viele Paare im Alter Ende 20 bis Anfang 40, bei denen das Kinder kriegen nicht klappt, obwohl sich die Paare sehr ein eigenes Kind wünschen. Bei einigen Paaren ist auch klar, dass das Problem bei einem der Partner liegt. Bei diesen Paaren ist die Beziehung in der Krise und angespannt.

Bei einem anderen Paar sie 42 und er 69, die beiden haben sich als Skilehrer und Skikursteilnehmerin kennen gelernt, hinkt er seit einem gemeinsamen Autounfall und Sport ist nicht mehr möglich. Die beiden sind zusammen geblieben. Ich habe den Eindruck, der Unfall hat sie noch mehr verbunden.

Es kommt sicher darauf an, ob die Einschränkung erst im Laufe der Beziehung eintritt oder bereits am Anfang besteht und ob das Paar mit der Einschränkung gemeinsam umgehen kann.

Ich sage ehrlich, dass ich mir schwer eine verbindliche Liebesbeziehung (samt Pflege usw.) vorstellen kann, wenn mir bereits beim Kennenlernen klar ist, dass dies in absehbarer Zeit auf mich zukommen würde, eine gute Freundschaft und all das dagegen schon.

Bei schweren psychischen Erkrankungen, Sucht usw. hätte ich auch große Vorbehalte.