G

Gast

Gast
  • #1

Bleibt das Nähe-Distanz-Bedürfnis im Laufe des Lebens konstant?

Habe bei mir folgende Tendenz bemerkt: als Kind/Teenee/junge Frau war ich immer extrem Nähe- und Liebesbedürftig. Mit der Zeit & unter dem Einfluss nicht unbedingt guter Erfahrugen bin beinahe das Gegenteil geworden. Möchte gar keine Nähe zulassen, bin deswegen Single, aber ohne ONS u.ä. Die Nähe beim Sex ist mir schon zu viel. Hat jemand ähnliche Erfahrungen? Und wie (und ob) hat sich bei Euch das Nähe/Distanz/Bedürfniss geändert? Danke vorab.
 
  • #2
Also unter Nähe-Distanz-Bedürfnis versteht man ja, ob man eher...

+ Distanz: Freiheit, Unabhängigkeit, viele Hobbys und Unternehmungen ohne den Partner, eventuell getrennt wohnen oder hohe Toleranz gegenüber Fernbeziehungen; zwei Einzelpersonen bleiben mit überwiegendem "ich und du"

+ Nähe: Zweisamkeit, vieles zusammen unternehmen, als Paar agieren und entschieden, zu Feiern als Paar gehen, einander sehr gut kennen und lesen können, wert legen auf ein deutliches "wir" parallel zum "ich und du" bei Lebensplänen und Entscheidungen

Ich bin einerseits zwar fest überzeugt, dass die grundsätzliche Einstellung bezüglich Nähe-Distanz weitestgehend eine Charaktereigenschaft und ein zutiefst persönliches Bedürfnis ein, das sich vergleichsweises wenig im Laufe des Lebens ändert und bereits durch Erziehung, Elternhaus und Persönlichsstruktur herausbildet.

Andererseits ist es schon offensichtlich so, dass bei vielen das praktische Ausleben der Zweisamkeit, die Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen und eine vollwertige Partnerschaft mit allem drum und dran zu führen, mit zunehmenden Alter und gescheiterten Beziehungen abzunehmen scheint. Ich glaube aber, dass dies überwiegend darauf zurückzuführen ist, dass die Bilanz der Lebensgestaltung für viele nicht mehr zu stimmen scheint. Wer nach gescheiterter Familie, nach zerrüttteter Ehe wieder auf der Suche nach einem Partner ist, geht oftmals auf Numemr sicher und hat die Familiensache und "vollwertige Partnerschaft" einfach hinter sich und als "hat nicht funktioniert" eingebrannt. Manche dieser Menschen setzen dann oftmals auf Spaß und Sex und Nähe nach Bedarf anstatt auf eine erneute vollwertige Partnerschaft. Plötzlich ist ihnen Selbständigkeit, Unabhängigkeit wichtiger, sie vermeiden neue Risiken und Verletzungen.

Ich denke aber zugleich, dass das Bedürfnis nach Nähe sich nicht wirklich geändert hat und viele dieser Menschen, die früher ein hohes Nähebedürfnis hatten, eigentlich im Inneren dennoch gerne wieder eine Partnerschaft mit Zweisamkeit und allem drum und dran hätten -- wenn es sich denn ergäbe und sie es wagen würden.
 
  • #3
Persönlich kann ich in meinem Leben bisher keine Abnahme des Nähebedürfnis feststellen. Ganz im Gegenteil ist mein Wunsch nach vollwertiger Partnerschaft eher größer als als Teenie oder junge Studentin.

Ich plädiere daher dafür, nach emotionalem Nähe-Distanz-Bedürfnis und nach Erwägungen zu Unabhängigkeit und Risiko zu unterscheiden.

Im übrigen noch ein Wort zu der Sache mit dem Sex in der Fragestellung: Das habe ich so noch nicht gehört und das halte ich schon für bedenklich. Da sind echte psychologische Konflikte vorhanden, die meines Erachtens schon nicht mehr wirklich normal sind. Die Nähe beim Sex finden eigentlich alle schön, ganz egal ob hohes oder niedriges Nähe-Bedürfnis. Entweder waren die Sexualpartner einfach ungeeignet, weil nicht geliebt, nicht wirklich kompatibel, oder aber die Fragestellerin hat ein besorgniserregendes Problem mit Nähe.
 
G

Gast

Gast
  • #4
Ich denke, wenn bewusst wird, dass Nähe und Distanz ein Problem für Dich ist , ist viel gewonnen.Auch ich hatte viele negative Muster aus der Kindheit, in der ich mich häufig verletzt, abgewertet, und unbeachtet fand.Das hat in meinem Leben dazu geführt, dass ich keine erwachsene Beziehung zu einem Mann eingehen konnte, die geglückt wäre-außerdem bin ich immer noch lange geblieben, obwohl mir das klar war, das wird nix mehr.-Trotzig, ohne Sexualität in den Beziehungen, ohne Zärtlichkeit, aber viel Streit, Unzufriedenheit, Kampf........
Irgendwann wurde mir ein Schema bewusst, und ich begann mit therapeutischer Hilfe daran zu arbeiten.......und es gelingt. w, 51 jahre
 
  • #5
Und wie (und ob) hat sich bei Euch das Nähe/Distanz/Bedürfniss geändert?

Ich kann im Laufe der Jahrzehnte faktisch mehr Nähe zulassen, im Grunde hat sich aber an meinem Nähebedürfnis wenig geändert.
Ich habe seit meinem großen Desaster mit ca. 27, als das übergroße symbiotische Nähebedürfnis meines Partners zu einer verheerenden Implosion der langjährigen 'großen Liebe' führte, keinen Partner mehr gehabt, der einen 24/7-Anspruch mit aller Kraft durchsetzen wollte über 365 Tage im Jahr.

Ohne diesen druckvollen Anspruch 'verkrafte' ich seitdem die Anwesenheit meiner Partner jederzeit 24/7 ohne Probleme. Den letzten für 12 Jahre, den jetzigen schon gut drei Jahre.

Da gibts/gabs kein Klammern, deswegen dürfen/durften sie immer da sein. Ich finde/fand auch in ihrer Anwesenheit die passende Distanz. Sie auch. Komplette räumliche Abwesenheit ist/war eh nur temporär bis zu einigen Wochen im Jahr.

Nähe-Distanz-Bedürfnis hat sich eigentlich nicht geändert, wohl aber die dazu passenden Partner und vor allem die Ausgestaltung. Vielleicht ist das mein instinktiv gelebtes No-Go? Kein Partner mehr, der mir die Luft abdrückt in seinem absoluten Symbiose-Bedürfnis?
Gefunden! :)

w/44
 
  • #6
Ich denke, dass das schon erheblich varieren kann, einfach mit den Erfahrungen, die man gemacht hat. Selbst wesentlich grundlegendere Charaktereigenschaften wie die Big Five, die viel mit den neuronalen Verknüpfungen zu tun haben und teilweise mit funktioneller Bildgebung als Hirnfunktionen darstellbar sind, ändern sich mit den Jahren, wie man jetzt in einer wirklich großen Studie ermittelt hat.
Ich bin übrigens den anderen Weg gegangen. Ich war immer sehr distanziert, mein älterer Sohn ist das auch, aber habe die Schönheit von Nähe schätzen gelernt. Ich habe nicht immer positive Erfahrungen gemacht, Nähe macht verletzlich, aber die Intensität der Nähe reizt mich mehr als die Angst verletzt zu werden. Sonst würde ich nicht auf einer Singlebörse herumtoben, und mir nicht das Gejammer von Frauen anhören, dass sie ihren verflossenen Traummann nicht überwunden haben.
Denn wir haben nur ein Leben, wir sollten es intensiv leben.
ONS würden dich total distanziert machen.
m44
 
  • #7
Bei mir hat sich das nicht geändert. Ich mag große Nähe in der Partnerschaft. Wohnen und Schlafen bzw. Alltag, spontanen Sex und Spaß möchte ich zusammen erleben. Manchmal auch nur das Rascheln am anderen Ende der Wohnung, wenn jeder seins macht. Getrennte Wohnngen kommen für mich nicht in Frage.
Ich brauche aber auch viel Zeit allein. Deshalb bin ich gern allein mit meinen Freunden unterwegs, da ist ständiger Pärchenbetrieb nichts für mich und fahre auch gern getrennt in Urlaub.
Gleiches gilt für Pläne und Finanzen. Da bin ich erstmal ich und dann wird geschaut, ob es mit dem Partner funktioniert. Da will ich keine Symbiose. Das habe ich von meinen Eltern her als Lebensbremse erlebt.
Als ich jünger war, habe ich oft unter symbolischen Partnerschaften gelitten und mich in kindliche Abhängigkeit begeben. Ich hatte noch nicht gelernt, daß ich meine eigene Welt behalten durfte/mußte, damit mir nicht die Luft ausgeht und ich vergesse, wer ich eigentlich bin und was meine Bedürfnisse sind. Ich habe dann versucht, mich mit Fremdgehen aus dem vermeintlichen Klammergriff zu befreien, was die schlechteste Lösung war.
Seit einigen Jahren kann ich das gut ausbalancieren. Treue ist kein Problem mehr für mich und der Wechsel von Nähe und Distanz auch nicht.
 
  • #8
Mir geht es im Moment genau so , habe voe 1,5 Jahren meinen Mann verloren (leider).Seitdem Single,wenn man es so nennen darf. Habe große Probleme mit neuer Beziehungsanbahnung.Einer wollte nach dem wir uns kennengelernt haben ,und uns sympathisch fanden gleich ein auf Beziehung machen.Ich bekam richtig Fluchtreflexe und Angsszustände als er anrief.Bin nicht ranngegangen ,habe per SMS beendet.Feige ich weiss,aber im Moment ticke ich so.Ich hoffe ,es legt sich wieder.Ich denke,wenn Du vorher anders warst und nur ein Traume verarbeiten mußt,wirst Du früher oder später wieder in Deiner Schiene fahren. Ich glaube drann.VG
 
  • #9
O ja, bei mir hat sich das Nähe- Distanz- Bedürfnis nach der langen Zeit von Ehe und Familie sogar gewaltig geändert!

Als junge Frau konnte mir die Beziehung zu meinem Mann nicht eng genug sein, erst Recht später, als die Kinder da waren und wir uns deshalb dazu auch noch aus praktischen Gründen brauchten. Über 30 Jahre lang war ich der Meinung, ich hätte ein besonders starkes Bedürfnis nach Nähe. Ich kannte es schließlich auch gar nicht anders! Damals war ich nämlich direkt vom Elternhaus weg zu meinem späteren Mann gezogen.

Nach der Scheidung begann ich mehr und mehr das Leben als Single zu schätzen, da war ich allerdings schon über 50!
Heute genieße ich es fast, in einer Fernbeziehung zu leben. Wir sehen uns jedes WE, verbringen Feiertage und Urlaube miteinander. Natürlich ist der Wunsch da, diesen Zustand bald beenden zu können, aber mich macht es nicht krank, dass dies auch noch einige Zeit bis dahin dauern kann.
 
Top