• #61
Ich komme mit mir selbst weiter, wenn ich die vielen guten Beiträge hier lese und selber meine Gedanken in Worte fasse.
Das verstehe sogar ich. Und ich wünsche dir, dass du mit deinem Weg dein Glück finden kannst. Denn ich schätze dich - auch wenn ich dich öfters nicht verstehen kann. Auf meine Art und Weise - die du vielleicht nicht verstehen kannst. Ich sehe mich eben als Glückskind - und will immer das Positive sehen. Und wenn es nur ist, dass ich in Zukunft diesen einen Fehler nie mehr machen werde.
Lieber Tom, ich glaube, void und Du, Ihr sprecht unterschiedliche Sprachen, ich glaube, empfinde es so, dass auch void einen sehr positiven Weg gefunden hat, sie artikuliert nur ganz anders.
Stimmt, aber nicht nur unsere Sprache und die Wege sind unterschiedlich, sondern unser gesamter Ansatz im Leben. Ich analysiere sehr schnell, welche Fehler ich und der andere gemacht haben - aber auch, was wir jeweils gut und richtig gemacht haben. Dann ist das Fazit da - und für mich ist alles erledigt. Ich akzeptiere den Fakt, dass Menschen Fehler machen. Und lebe damit - und beruflich auch davon. Ich lasse meine Emotionen raus, am Sandsack oder durch wilde Flüche. Erledigt. Vergessen. Und dann muss auch nicht mehr darüber gesprochen werden. Es ist vorbei. Beruflich macht mich das wertvoll. Privat nicht immer.
 
  • #62
Es Leute gibt, die sich aalglatt entschuldigen. ... eine wohlformulierte Standard-Entschuldigung für den Fauxpass.
Nun, genau genommen kann man sich gar nicht selber „entschuldigen”, sondern lediglich die Bitte um Entschuldigung vorbringen. Die einem dann erst einmal gewährt werden muß. Der Rosenstrauß allein genügt also nicht, es gehören glaubwürdige (!) Worte der Einsicht und Reue dazu. Im Idealfall ist die Bitte zudem ergebnisoffen, sprich: sie muß auch ein „steck dir deine Rosen an den Hut” mit einkalkulieren.
 
T

Toi et moi

Gast
  • #63
Das ist eine sehr schwierige Frage und ich denke, dass es keine Pauschale Antwort auch darauf gibt. Es gibt verschiedene Ebenen, beruflich und Privat, in der Familie und im Freundeskreis. In der Familie hat jeder ein Image. Nicht alle stehen miteinander auf Augenhöhe und deshalb ist manchmal auch unmöglich eine "Verzeih mir" zu bekommen. Manchmal muss man es einfach akzeptieren so wie es ist. Es ist ja auch nicht alles schlecht gewesen und man kann auch die Macken der anderen Familienmitglieder auch so hinnehmen.
Generell mag ich aber nicht über jeden Fehlverhalten ewig zu diskutieren. Sehr oft macht man es nicht um anderen zu verletzten sondern es ist aufgrund mangelnder Einfühlungsvermögen oder einfach auch mal sich für einen kurzen Moment wohl und stark zu fühlen oder einfach, weil man schlecht organisiert ist oder keine starke Nerven hat usw. Mir ist auch eine Korrektur des Fehlverhalten lieber als eine Verzeih mir. Meine Tochter zum Beispiel sagt ungern Entschuldigung. Sie weiß, sie sollte es in manchen Situationen sagen aber sie ist einfach zu Stoltz dafür aber halbstunde später korrigiert sie ihr Verhalten und dann ist es auch wieder gut. Mir ist lieber, wenn jemand erkennt, was falsch war und er macht es nicht mehr.
In der Partnerschaft haben wir natürlich auch alle Erwartungen, die vielleicht der Partner nicht erfühlen kann/möchte. Was macht man dann? Man kann es ansprechen, man kann es auch akzeptieren so wie es ist. Ständige diskutieren darüber, was ein Partner sagen und nicht sagen darf, finde ich persönlich nicht schön. Wenn jemand mich ständig mit seinem Verhalten verletzt, dann ist er für mich nicht geeignet. So sehe ich es.
 
  • #64
... was die WKII-(Eltern-)Generation uns angetan hat an Verletzungen und immer noch tut. Ich bin ein Opfer häuslicher und auch institutioneller Gewalt und habe richtig etwas von der Generation abbekommen, ...

Ich bin genauso betroffen von Missbrauch durch die Generation "WKII-Kinder". Ich werde meine Eltern (speziell meine Mutter) nicht mehr ändern. Einsicht, auch aus der eigenen Opferrolle dieser Generation heraus, kann man aus meiner Sicht nicht erwarten. In dieser Generation höre ich viele Klagen über nicht vorhandene Chancen, aber wenige über nicht genutzte Möglichkeiten. "Entschuldigung" erst Recht nicht, sie empfinden sich als Opfer ihrer Zeit und geben diese Opferrolle ein Stück weiter. Diese Generation ist durch die Umstände, in denen sie groß geworden sind, geprägt. Sie würden es dann auf die Generation WK I schieben, die wieder auf die schwierigen Verhältnisse im 19. Jahrhundert. In meiner Familienhistorie hatten eine Reihe Menschen kein besonders glückliches Leben.

Ich sehe für mich wenig Sinn darin, ein Leben lang in der Opferrolle durch die Gegend zu laufen. Helfen kann hier nur, "den Deckel draufzumachen" im Sinne von sich damit beschäftigen (durchaus mit professioneller Unterstützung), warum ich so bin, wie ich bin, dann damit abzuschließen, für mein Leben Schlüsse zu ziehen und dann die Zukunft zu gestalten, statt die Vergangenheit zu beklagen. Sonst geht die Kette weiter.

Was nützt mich eine Entschuldigung, erst Recht ein "sich entschuldigen"? "Entschuld(ig)en" kann ich nur selbst, indem ich selbst manchen Ballast (im Sinne von Folgen der Schuld) abwerfe. Verstehen oder verzeihen ist eine andere Kategorie. Auch daran kann die WK II-Generation wenig tun. Der Bitte um "Entschuldigung" kann ich in dem Fall nur selbst nachkommen, indem ich für mich daran arbeite. Verzeihen kann ich, was ich verstehe und wofür ich Gründe sehe. Die Folgen aufräumen muss ich trotzdem selbst. Für das, wo ich nicht verzeihen kann, lasse ich die Schuld bei derjenigen, die sie hat. Ohne mir dafür ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen, ich muss nicht alles verzeihen, allerdings auch nichts nachtragen. Wenn man sich mal rein sprachlich vor Augen führt, was für eine Bedeutung die Worte in diesem Zusammenhang haben, hilft das schon ziemlich weiter.
 
  • #65
Vikky, ich interpretiere Dich, dass den Deckel zumachen für Dich abschließen bedeutet, eine Ende der ständigen Rückschau, und das Bejammern, was alles hätte und deswegen nicht war.
Statt das eigene Leben in die Hand zu nehmen.
Die Vergangenheit in eine Kiste zu packen und verdrängen - das ist nämlich das Bild, das ich habe, bei Deckel darauf schrauben - empfinde ich für sehr gefährlich. Vor allem weil ich an mir selbst erlebt habe, welche äußerst schädliche und toxische Eigendynamiken Verdrängtes entwickeln können.
Korrigiere mich, wenn ich daneben liege - aber bei Dir selbst sehe ich auch kein Deckel darauf machen, sondern einen gesunden Abschluss
Natürlich sind wir Menschen nie ohne Fehler und Menschen werden auch schuldig und machen sich an anderen schuldig und ich empfehle dazu das Buch des Wiener Psychiaters Raphael Bonelli "Selber Schuld!". Opfer gibt es und Opfer wird es immer geben und Kinder sind als Kinder "dankbare" Opfer. Auch hier wurden einige als Kinder brutal misshandelt oder auch nur vernachlässigt, was auch eine Misshandlung ist. Als Kind war mal jemand Opfer (auch Erwachsene können Opfer von Übergriffen oder Vergewaltigungen werden).

Ich denke Deckel drauf tun und schrauben ist nur dann möglich wenn man die eigene Biografie verarbeitet hat und das traurige belastende Kapitel Kindheit als ein Bestandteil der eigenen Biografie annimmt und integriert, ohne es zu verdrängen! Das emotional verdrängt und nicht verarbeitete drängr früher oder später an die Oberfläche zu kommen.

Und jedem, dem das passierte, kann zurecht sagen: "ich war Opfer aber heute bin ich es nicht mehr und ich bleibe nicht in der Opferrolle stecken" Ständiges Jammern und ewige Rückschau ändert nichts aber gar nichts daran, was in der Vergangenheit passierte. Mit ständigem Jammern und Klagen, wird das eigene Leben nicht schöner, leichter, unbeschwerter, was ich auch immer meiner Schwester gesagt habe, die viel mehr jammert und klagt, obwohl ich selbst von einer chron. Krankheit betroffen bin. Würde das Jammern und Klagen meine Krankheit weg zaubern, dann würde ich es machen :)

Wer sich als Opfer fühlt (obwohl heute kein Opfer ist) und dadurch nur anklagt, bekommt Aufmerksamkeit, Zuwendung, Mitgefühl. Das ist der emotionale Gewinn der Opferrolle aber aktiv ändert das vermeintliche Opfer nichts mehr in seinem Leben und bleibt in dieser Rolle zementiert. Sieht auch nicht ein, dass es die Freiheit und die Möglichkeit hat, etwas an seinem Leben zum Positiven zu verändern.
 
  • #66
Lionne, "Deckel drauf" heißt für mich, dass ich mich mit dem Thema gründlich auseinandergesetzt habe, verstehe was mir angetan wurde, welche Muster ich daraus entwickelt habe, weiß was meine Trigger sind und wie ich sie bändige - nicht verdrängen, nicht versperren dagegen, eher mit der inneren Haltung: "ach, Du schon wieder. Nun atme ich einmal tief durch und lass' mir von Dir nicht mehr den Tag versauen".

Das Schluesselerlebnis war für mich, dass ich meinem Vater die Meinung aus meiner Perspektive sagte, als er mal wieder die Schuld weit von sich wies und von mir mehr oder weniger für sein Elend bedauert werden wollte. Er konnte ja nichts dagegen sagen, dass man als erwachsener Mensch verantwortlich für seine Taten ist, die man als Erwachsener verübt. Und in meiner Person stand ihm sein Opfer gegenüber, das gewaltfrei durchs Leben geht, quasi der lebendige Beweis für meine These, dass erfahrene Gewalt nicht zwangsläufig zu Täterschaft führt.

Jedes Mal, wenn er die Mitleids- und "Ich bin quasi unschuldig"-Welle reiten wollte, ließ ich das nicht mehr zu. Damit war das Thema für ihn maximal unattraktiv. Jedes Mal, wenn er andere ruede abwertete, graetschte ich dazwischen, wies sachlich auf Destruktivitaet und Unangemessenheit hin.
Er hat sich im Kern seiner Persönlichkeit nicht mehr geändert, aber die Gespräche mit mir waren für ihn so unangenehm (Widerworte kannte der Despot nicht), gegen kühle Sachlichkeit kam er nicht an, sodass er sich unglaublich zusammengerissen hat, damit er nicht immer einen auf den Deckel bekam.
Wirksam war auch, dass meine Schwestern am gleichen Strick zogen, als sie die Wirkung bemerkten. Vorher hatten sie mich angegriffen, in Sinne von "lass' den alten Mann mit den ollen Kamellen in Ruhe" - hätte ich ja gemacht, wenn er uns in Ruhe gelassen hätte.

"Deckel drauf" ohne sich selber emotional einzuschränken gelingt m.E. Nur, wenn man Grenzen setzt, statt Machtlosigkeit Selbstwirksamkeit erlebt - nicht mehr Opfer sein, sein erfahrenes Leid nicht wegreden zu lassen. Indem ich ihm die Chance nahm, sich weiterhin rauszureden, bekam er die Chance zutiefst zu bereuen - keine Show. Das half ihm auch.
"War so und jetzt habe ich ein anderes Leben, in dem ich der Kapitän bin" ist die Folge von "Deckel drauf".

@Lebenslust hat Recht, Du hörst nur von ihren entgangenen Chancen, nie von ihren ungenutzten Möglichkeiten, d.h. sie haben sich in Null Eigenverantwortung gemütlich eingerichtet.
 
  • #67
Also ich kann und will nicht ohne Gegenrede hinnehmen, wie schlecht hier viele über ihre Eltern schreiben. Und wie sie teilweise - zumindest ihrer Selbstdarstellung nach - mit den alten Herrschaften umgehen.
Nicht die gesamte gescholtene Generation ist schlecht - viele hatten da schlimmere Päckchen zu tragen als meine Generation. Ich vermisse hier die Dankbarkeit, dass wir eben nicht in Trümmern aufwachsen mussten, stabile und wohlhabende Zeiten erleben dürfen und bspw. auf Kosten der Eltern die Uni besuchen konnten. Oder auch eine andere Ausbildung machen durften. Die Freiheit hatten, zu rebellieren. Und - sind wir ganz ehrlich - bei weitem nicht immer kam Besseres dabei heraus. Sich heute vor Eltern, die Ü80 sind, hinzustellen und diese zu beschuldigen - welche Heldentat.
Ja, manche hatten schlimme Eltern, müssen verschiedene Dinge für sich aufarbeiten. Habe ich verstanden, dass dies ein Pflasterstein auf dem Weg zu deren Glück ist. Aber alte Menschen extrem anzugehen, zumal wenn diese nicht mehr auf der Höhe sind - ich empfinde das als widerwärtig. Und als auch nicht besser, als kleine Kinder zu quälen.

Dafür kommt mir der Aspekt in der Diskussion zu kurz: Wer sagt eigentlich, dass eine Entschuldigung fällig wäre? Die Problematik der Mimosen wurde ja von @frei schon angesprochen. Was aber, wenn ich genau gesagt habe, was ich meine, denke und für richtig halte? Was, wenn Leute weder Ironie noch Sarkasmus verstehen? Wenn jemand eine weitere Chance bekommt, aber dazu auch noch eine Entschuldigung haben möchte?
 
  • #68
Danke, Vikky,
Damit habe ich Dich ganz richtig verstanden.
Und @void beschreibt es ähnlich.

Ich habe, denke ich, diese Muster durch Verstehen auflösen können.
Und es war, sorry, ein geiles Gefühl, als ganz Erwachsene meinem Vater ganz sachlich mitzuteilen - ohne Details, ohne Vorwurf - was er getan hatte, sehr ähnlich wie bei Dir, Vikky. Da war kein Kindanteil, ich habe sehr lange therapeutisch mit Kindanteilen gearbeitet, und damit viel verstanden.
In dem Augenblick ist dieser Deckel zu gegangen. Das Kind beruhigt. Die Erwachsene da. Es ist nicht mehr wichtig.
(Wobei ich zumindest nach außen für meinen Vater nie als Opfer erkennbar war, dafür war meine Kämpferinnen / Wut- Fassade zu perfekt.)

Dass dies gleichzeitig mit dem Entstehen meines Zuhause, diesem tollen Ort passiert?
Für mich eine fast unfassbare Fügung.

Ich fühle mich frei - der Rucksack leer, nach 5 Jahren Intensivster Therapie.
Und gleichzeitig so angekommen, das Erleben des Willkommens an diesem Ort. Dieses werdende Zuhause mit allen Sinnen wahrnehmen

Es ist ganz und gar der Beginn eines neuen Lebens, ich muss das nur noch fassen.
Jetzt bin ich ICH. Es sind MEINE Muster, MEIN Verhalten, MEIN Leben.
Nicht müssen, keine Erwartungen erfüllen, und das allergrößte Geschenk, die Bindung zu meinen Söhnen.
WIR werden uns am Familientisch treffen, tun wir heute schon, und irgendwann wird hoffentlich eine Enkelschar durchs Haus toben, deswegen ist es nicht so ganz klein, und die Galerie in den Schlafzimmern entern. Rutsche kommt dann auch...

Und so ist es MEINS, verbal und eindeutig auszudrücken, was mir anliegt, ich bin heute ziemlich ungeniert - ich spreche es an, wenn ich Fehler gemacht habe, ich frage nach, wenn ich Zweifel habe, ich sage, was ich fühle - (muss natürlich passen).

Als Randbemerkung - ich finde es ganz großartig zumindest virtuell so tollen Frauen wie Vikky, Void, Frei, Pixi, Heidi, Pia zu begegnen. Ich bitte um Nachsicht für die Ungenannten, aber diesen Frauen würde ich wirklich gerne real begegnen.

Danke, void, für diese Frage.
 
  • #69
Und es war, sorry, ein geiles Gefühl, als ganz Erwachsene meinem Vater ganz sachlich mitzuteilen - ohne Details, ohne Vorwurf - was er getan hatte, sehr ähnlich wie bei Dir, Vikky.
Nein, @Lionne69 - eben nicht ähnlich. Es ist etwas anderes, mit dem Vater zu reden - Traumata zu überwinden - als nachzutreten und dem jetzt hilflosen alten Menschen "auf den Deckel zu geben" .
Du, void oder Pia - ihr versucht, für euch etwas zu verarbeiten und eben nicht Rache zu üben. Bei frei liegt es nochmal anders - aber bei euch kann ich nicht lesen, dass ihr nun gegen die alten Eltern hetzt, versucht, genau das, was ihr verurteilt nun 1: 1 zurückzugeben. Ihr habt es auch nicht nötig, euch völlig verbittert ständig selbst zu beweihräuchern.
Für mich persönlich ist es nicht stimmig, ein bestimmtes Verhalten anzuklagen, Entschuldigungen einfordern zu wollen - aber selber genau dieses Verhalten als Heldentat darzustellen, weils von einem selber kommt. Und dabei noch immer schön betonen, dass man ja Opfer sei.
Nein Lionne, so machst du keinen Deckel zu. Weil es dir dann jeden Morgen übel werden würde, wenn du in den Spiegel schauen musst, um dich zu kämmen. Du kannst sicher ganz Vieles - aber Doppelmoral kannst du nicht. Das zeigt sich in jedem einzelnen deiner Beiträge.
Ich sehe einen ganz gewaltigen Unterschied darin, ob ich Dinge anspreche - oder ob ich jemandem "über den Mund fahre", weil ich ja jetzt der Stärkere bin. Mit dem ersten Verhalten gibt man die Chance, um Entschuldigung zu bitten - mit dem zweiten nur eine späte Bestätigung.
 
  • #70
Also ich kann und will nicht ohne Gegenrede hinnehmen, wie schlecht hier viele über ihre Eltern schreiben.

Du magst das für Dich anders erlebt haben und natürlich sind es immer auch Teilaspekte, die gut und Teilaspekte, die schlecht sind.

Nicht die gesamte gescholtene Generation ist schlecht - viele hatten da schlimmere Päckchen zu tragen als meine Generation. Ich vermisse hier die Dankbarkeit, dass wir eben nicht in Trümmern aufwachsen mussten, stabile und wohlhabende Zeiten erleben dürfen und bspw. auf Kosten der Eltern die Uni besuchen konnten.

Du verwechselst Eltern mit Generation. Natürlich sind wir in einer insgesamt friedlichen Zeit aufgewachsen. Im Detail muss deshalb nicht alles gut gewesen sein.

Es geht auch nicht darum, nachzutreten und jemandem einen auf den "Deckel" zu geben. Es geht darum, sachlich zu benennen, was schiefgelaufen ist, das für sich zu verarbeiten und Folgerungen daraus zu ziehen. Wer das nicht tut, kehrt letztlich manches unter den Tisch. Das kann kein lohnenswertes Ziel sein.
 
  • #71
Nein, @Lionne69 - eben nicht ähnlich. Es ist etwas anderes, mit dem Vater zu reden - Traumata zu überwinden - als nachzutreten und dem jetzt hilflosen alten Menschen "auf den Deckel zu geben" .
Doch dieser alte Mann war erwachsen und hat sein eigenes Kind misshandelt anstatt möglicherweise seine eigenen Verletzungen anderes zu verarbeiten als die Frust und den Ärger am eigenen Kind zu lassen.

Denn was kann das eigene Kind dafür, wenn der Vater selbst traumatische Erlebnisse gehabt haben könnte? Warum darf eine erwachsene Tochter nicht dem alten Vater oder der alten Mutter die Meinung sagen, über ihr Verbrechen? Es ist ein Verbrechen, wenn Eltern ihre eigenen Kinder brutal verprügeln! Das ist nicht nur Körperverletzung und dann gleichzeitig auch eine seelische! Warum werden noch heute Erzieher in früheren Kindererziehungsheimen juristisch zu Rechenschaft gezogen und man belästigt die alten Leute nicht, sondern lässt sie ungeschoren davonkommen?

Wenn das eigene Wohl und das Leben nicht von den Eltern abhängig wäre, so hätten schon Kinder ihren Eltern die Meinung gesagt und nicht die Faust in der Hose gemacht!

Ich sage: Eltern, die so etwas tun sind jämmerliche Wesen und zwar deswegen, weil sie nicht an einem gleichwertigen Gegner ihre Kraft messen. Ähnlich wie wenn ein Boxer, der schweren gegen einen der leichten Kategorie kämpft! Solche Erwachsene und alte Menschen kann ich gar nicht respektieren, weil sie selbst ihre eigenen Kinder nicht achten, respektieren und lieben, denn wer die eigenen Kinder wirklich liebt schlägt sie nicht brutal!
 
  • #72
Was mich irritiert an dieser Diskussion: Das Erwarten einer Entschuldigung setzt die Gewissheit voraus, dass ich im Recht bin und der andere im Unrecht. Das ist doch aber höchst selten so im Leben. Ich kann nicht in der Überzeugung durchs Leben schreiten, dass meine Wahrnehmung allgemeingültig und über alle Zweifel erhaben ist. Doch, ich könnte schon, dann wäre aber jegliche soziale Interaktion wahnsinnig anstrengend und unbefriedigend.

Es ist extrem selten, dass man etwas macht, um den anderen gezielt zu kränken oder zu verletzen. Das mache ich fast nie, das machen die mir nahestehenden Menschen fast nie oder wohl eher gar nie. Ob aus einer Äusserung oder einer Handlung eine Verletzung entsteht, passiert in meinem Kopf. Ich könnte mich auch anders entscheiden.

Gerade in Beziehungen ist das doch so: Mein Partner macht oder sagt etwas. In meinem Kopfkino entstehen die wildesten Geschichten. Mit meinem Partner haben die nichts zu tun. Wenn ich dann auf eine Entschuldigung warte oder beharre, setze ich damit voraus, dass er mich mit Absicht treffen wollte. Das dürfte in 99,9 % der Fälle eine gänzlich falsche Vorannahme sein.

Klüger scheint mir, ihm zu sagen, was in mir abgeht, und ihn zu fragen, was er denn gemeint hat. Im besten Fall versteht man sich dann ein bisschen besser. Dann eine stumme Umarmung oder sonst ein Zeichen, dass er mich mag, ist mir viel lieber als eine Entschuldigung für etwas, was keiner Entschuldigung bedarf, und die er wohl nur aussprechen würde, damit die Kirche im Dorf bleibt. Man muss sich nicht dafür entschuldigen, dass man ist, wie man ist.

Bei einer wirklichen Verletzung möchte ich gar keine Entschuldigung hören. Wenn mir etwa jemand die Faust ins Gesicht hauen würde, wäre eine Entschuldigung müssig. Weil ich das gar nicht entschuldigen würde.

Ich habe sehr lange sehr mit meiner Mutter gehadert. Ich habe mich immer gewundert, dass meine Schwester ein völlig anderes Bild von meiner Mutter hat. Sie hat uns gleich abwertend behandelt, da war kein Unterschied. Ich nahm ihr das übel, meine Schwester lachte und sagte, sie sei nun mal so. Jetzt, wo meine Mutter alt ist und geplagt und innerlich zerrissen und Angst vor dem Sterben hat, sehe ich ein, dass meine Schwester recht hat: Meine Mutter ist ein Kind ihrer Zeit. Sie ist in einem wahnsinnig engen Korsett aufgewachsen. Sie konnte aus welchen Gründen auch immer sich nicht von den Zwängen ihrer Zeit befreien. Ich habe kein Recht, sie dafür zu verurteilen - ich kann dem Himmel danken, dass ich in besseren und freieren Zeiten lebe. Was sie mir "angetan" hat, machte sie nicht mit Absicht, sondern weil sie nicht aus ihrer Haus heraus konnte. Meine Schwester machte es all die Jahre besser als ich: Jemandem zürnen macht nicht glücklich. Ob ich zürne oder nicht, ist allein meine Entscheidung.

Frau 50
 
  • #73
Verzeihen ist eine große Sache. Kann ich meiner Mutter verzeihen, die vielen vielen Situationen, wo sie boshaft zu mir war, mich hängen gelassen hat, ihr mangelndes Interesse an mir und meinem Leben und das Gefühl, das sie mir vermittelt hat, dass ich nicht richtig bin, nicht liebenswert, nicht hübsch, nicht sympathisch, zu wenig nutze? Kann ich ihr verzeihen, welchen Kummer und welche Probleme ich dadurch in meinem Leben hatte?

Inzwischen bin ich soweit mit mir im Reinen, dass ich es kann. Vor allem mir selbst zuliebe, denn Ärger und Wut und Streit machen unglücklich und das will ich nicht mehr haben oder sein.

Zudem habe ich trotz allem Mitleid mit meiner Mutter, denn sie hatte auch viele schwierige Umstände in ihrem Leben und hat daraus noch das Beste gemacht. Und ich liebe sie, sie ist schließlich meine Mutter.
 
  • #74
Was mich irritiert an dieser Diskussion: Das Erwarten einer Entschuldigung setzt die Gewissheit voraus, dass ich im Recht bin und der andere im Unrecht. Das ist doch aber höchst selten so im Leben.

Wann brauche ich eine Entschuldigung des anderen und bitte darum? Doch letztlich, wenn ich mich schlecht fühle und mein Verhalten entschuldigt haben möchte, also die Schuld von mir genommen haben möchte. Wenn ich keinerlei Schuldbewusstsein habe, bitte ich nicht um Entschuldigung.
Wenn Du also erwartest, dass jemand Dich um Entschuldigung bittet, ist aus meiner Sicht schon von vorneherein notwendig, dass Du Dich so verhältst, dass der andere merkt, dass etwas nicht stimmt. Das kannst Du äußern oder durch Dein Verhalten spüren lassen. Wenn ich Dich übel beleidige und das sich für mich nicht erkennbar bei Dir auswirkt, werde ich nicht auf die Idee kommen, Dich um Entschuldigung zu bitten.

Ich habe sehr lange sehr mit meiner Mutter gehadert. Ich habe mich immer gewundert, dass meine Schwester ein völlig anderes Bild von meiner Mutter hat.

Ob Deine Mutter Dich um Entschuldigung bitten wird, hängt davon ab, was sie wahrnimmt. Wenn Du Dich ihr gegenüber "normal" verhältst, warum sollte sie um Entschuldigung bitten? Wenn Du ihr sagst, dass du mit ihr haderst, kann ein Gespräch und ein Nachdenken ihrerseits stattfinden, sonst nicht.

Davon zu trennen ist, ob Du sie entschuldigen kannst. Das hängt z. B. davon ab, ob Du verstehen kannst, warum sie sich in bestimmter Weise verhalten hat.
 
  • #75
vorneweg: Ich wurde noch nie verletzt und ich habe (bewusst) auch noch nie jemanden verletzt.

Mein Mann kann überhaupt nicht über Gefühle sprechen, ich (zer-) rede viel und gerne. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer, ich bin immer unter Strom, leicht abgelenkt und große Reden anderer mag ich nicht so gerne.

Fazit: ich entschuldige mich bei meinen Mann verbal und nonverbalen, bei ihm bin ich mir nicht sicher, ob er das Wort " Entschuldigung" überhaupt kennt.

Er nimmt nach (harmlosen) Diskussionen einfach meine Hand, er guckt mich an, wenn ich für diese Art der Entschuldigung "bereit" bin bzw für mich die Sache damit ok ist, dann umarme ich ihn.

Ich kann von ihm doch nicht ernsthaft große Worte erwarten, wenn er das nicht kann?
Würde ich auf verbale Entschuldigungen bestehen, würde ich ihn ja quasi noch absichtlich verletzen/nötigen wollen...

Genauso wie er mir im Gegenzug nicht die Worte verbieten kann/darf.

Bei meiner Familie hab ich letztens auch nur herumgemeckert und war unausstehlich. Ich hatte riesigen Hunger. Jeder kennt mich, es hätte keiner Entschuldigung bedurft, ich sag's ihnen dann trotzdem, dass es mir Leid tut wie kindlich ich mich benehme, wenn ich erstmals am Tag um 16 Uhr "zu essen bekomme"


Fazit: Entschuldigungen nehme ich an wie sie kommen: verbal, nonverbal oder in Form von Schokolade. Ist mir alles recht. Und wenn keine kommt, dann war's wohl auch nix wo ich mit einer ernsthaft hätte rechnen können/sollen/dürfen.
 
  • #76
Es geht auch nicht darum, nachzutreten und jemandem einen auf den "Deckel" zu geben. Es geht darum, sachlich zu benennen, was schiefgelaufen ist, das für sich zu verarbeiten und Folgerungen daraus zu ziehen. Wer das nicht tut, kehrt letztlich manches unter den Tisch. Das kann kein lohnenswertes Ziel sein.
Doch, jemandem auf den Deckel zu geben war ein Zitat meinerseits - dieser Terminus stammt nicht von mir in diesem Thread.
Wenn ich etwas analysiere, dann gibts Gutes und Schlechtes - und ich möchte hier daran erinnern, dass es in den 60 ern durchaus normal war, die Tochter Friseurin oder Verkäuferin werden zu lassen - und nicht Abitur und Studium zu finanzieren. Mir ist das zu einseitig - ICH bin Opfer, ich darf den jetzt wehrlosen alten Mann piesacken. Wer so handelt, ist keinen mm besser.
Darüber reden, wenn es noch geht - ok. Obwohl es in meinen Augen sehr spät ist. Das machen Lionne oder void - und für mich ist das auch ok.
Aber auf einen alten, evtl. dementen Menschen einzuhacken, weil man sich das jetzt endlich getraut - das ist erbärmlich.
Ja, einem Kampf mit einem absolut wehrlosen Menschen würde ich aus dem Weg gehen. Egal, was dieser irgendwann einmal getan hat.
Ich habe sehr lange sehr mit meiner Mutter gehadert. Ich habe mich immer gewundert, dass meine Schwester ein völlig anderes Bild von meiner Mutter hat. Sie hat uns gleich abwertend behandelt, da war kein Unterschied. Ich nahm ihr das übel, meine Schwester lachte und sagte, sie sei nun mal so.
Ich bitte, diesen Beitrag sehr genau zu lesen - Babar beschreibt es anders als ich, für manche ist es so verständlicher.
 
  • #77
Wenn ich dann auf eine Entschuldigung warte oder beharre, setze ich damit voraus, dass er mich mit Absicht treffen wollte. Das dürfte in 99,9 % der Fälle eine gänzlich falsche Vorannahme sein.
Nicht nur Vorsatz, sondern auch Gedankenlosigkeit oder Vergessen oder Fehleinschätzung können der Grund sein, warum der andere gekränkt ist. Wenn mir jemand gerade erzählt hat, daß sein Knöchel verstaucht ist, und ich frage ihn 5 Minuten später, ob er mit mir joggen geht, dann tue ich das ganz sicher nicht, um ihn zu ärgern. Dennoch sind Einsicht in meinen Fauxpas, Reue und die Bitte um Entschuldigung angebracht.

Natürlich kann man in einer Sache auch geteilter Meinung sein, jedoch hat – abgesehen von den Leuten, die sich permanent entschuldigen, Stichwort: „entschuldige bitte, daß ich mich schon wieder entschuldige” – eine Entschuldigung zu viel noch keinem geschadet. Im Gegenteil: sie kann auch beim anderen einen Prozeß des Umdenkens in Gang setzen. Denn natürlich liegt das Verschulden in den seltensten Fällen eindeutig nur auf der einen Seite.

Letzteres geht dann fließend über in die Entschuldigungen, die eigentlich das Gegenteil sind: „entschuldige bitte, daß ich auch hier wohne!”
 
  • #78
Und ich wünsche dir, dass du mit deinem Weg dein Glück finden kannst
Danke schön. Ich schätz Dich auch, ich denke, es ist sowohl wichtig, Menschen zu finden, die die eigenen Gedanken bestätigen, als auch Menschen, die einen gegenteiligen Aspekt einwerfen, den man abchecken muss, ob er nicht stimmt.
Ich akzeptiere den Fakt, dass Menschen Fehler machen.
Ich ebenso. Nur muss ein Akzeptieren/Vergeben von innen kommen. Man darf dabei nicht seine eigenen Gefühle vernachlässigen. Ich seh auch nicht, dass man sich dazu zwingen muss. Wenn die Seele keine Ruhe in einer Sache hat, dann lässt sich das auch noch nicht wegschieben. Die Frage ist gerade, ob man das allein für sich macht und was ein Gespräch mit dem Verletzer bringen kann. Die Verarbeitungs-Arbeit macht doch der Verletzte allein. Er darf nicht abhängig davon sein, dass ein Verletzer seine Tat einsieht.
Ich lasse meine Emotionen ähnlich wie Du raus, das war für mich noch nie das Problem, darum geht es nicht.
Ich vermisse hier die Dankbarkeit, dass wir eben nicht in Trümmern aufwachsen mussten...
Dafür ist hier meiner Ansicht nach nicht der Platz. Ich denke zum einen, wenn die Kinder, die unter Fehlverhalten gelitten haben, sich damit auseinandergesetzt haben, sie durchaus sehen, was die Eltern getan haben für sie und dass die natürlich auch Eltern hatten, die was falsch gemacht haben. Zum anderen bin ich ein Gegner davon, eine Kritik einzuleiten mit den ganzen Verdiensten und dann selbst die Entschuldigung für ein Elternteil zu bringen, das seine Sicht auf sein Handeln nie geändert hatte.
Was Du hier einforderst, ist meines Erachtens was, das Du an anderer Stelle ablehnst - Moral. Man muss nicht über seine Eltern gut sprechen, wenn man nicht kann oder will, nur weil es sich so gehört.

Wenn ich lese, dass ein alter Mensch sein Leben immer wieder durchlebt und Angst hat, weil er sich erinnert und frühere Traumata auch noch heute durchlebt, oder wenn ich lese, wie jemand immer noch versucht, den Patriarchen zu geben, der seine Tochter zurechtstutzen will, es aber nun nicht mehr schafft, denke ich auch, dass man es einem Menschen im hohen Alter wünschen würde, dass er seinen Frieden mit sich findet. Aber hier geht es um die, die deswegen gelitten haben, weil dieser Mensch seinen Frieden nicht früher gefunden hat. Es geht für mich nicht, Dankbarkeit einzufordern, wenn jemand es nicht so empfindet.
Wer sagt eigentlich, dass eine Entschuldigung fällig wäre?
Das der Mensch, der unter dem anderen gelitten hat. Ob er eine Mimose ist oder nicht, steht keinem anderen zu zu entscheiden. Es passiert viel, viel zu oft, dass eine Verletzung bagatellisiert wird oder ein anderer meint, er könne das entscheiden. Insbesondere der Täter macht sowas gern oder auch jemand, der genau die selbe Verletzung hat, sich aber wegen des Schmerzes unbewusst nicht damit auseinandersetzen will.
 
  • #79
Mir ist das zu einseitig - ICH bin Opfer, ich darf den jetzt wehrlosen alten Mann piesacken. Wer so handelt, ist keinen mm besser.
Aber auf einen alten, evtl. dementen Menschen einzuhacken, ...

Es gibt einen Unterschied zwischen klar benennen und einen wehrlosen alten Mann piesacken oder auf ihn einzuhacken. Mit piesacken bin ich selbstverständlich auch nicht einverstanden. Mit klarem Benennen schon. Auch ein alter Mensch muss sich sachlich dem stellen, was er ggf. in seinem Leben angerichtet hat. Wir schreiben hier über "Entschuldigung". Die setzt Gespräche voraus, um wechselseitig Verständnis zu bekommen. Gerade auch der alte Mensch könnte ja Wert darauf legen, manches in seinem Leben zurechtzurücken.
Bei Demenz hat das selbstverständlich keinen Sinn mehr. Wie willst Du mit jemandem über Vergangenheit reden, der keine Vergangenheit mehr kennt?
 
  • #80
Das der Mensch, der unter dem anderen gelitten hat.

Aus meiner Sicht schon rein sprachlich falsch. Um Entschuldigung bitten kann nur derjenige, der etwas falsch gemacht hat. Diese Bitte setzt die Einsicht voraus, dass etwas falsch gemacht wurde.

Wieso soll ich jemandem, der mich verletzt hat, sagen, dass ich erwarte, dass er mich um Entschuldigung bitten soll? Dann kann ich ja gleich entschuldigen.
 
  • #81
Was Du hier einforderst, ist meines Erachtens was, das Du an anderer Stelle ablehnst - Moral. Man muss nicht über seine Eltern gut sprechen, wenn man nicht kann oder will, nur weil es sich so gehört.
Nein, keine Moral. Sondern beide Seiten der Medaille sehen.
Eigentlich ist keiner nur gut oder nur schlecht und böse. Und ich bin der Meinung, dass ich, ziehe ich ein Fazit, dieses möglichst genau herausarbeiten sollte.
Ich gebe dir ein Beispiel:
Ich habe das Glück, tolle Eltern zu haben. Und bei meinen Eltern steht ganz viel auf der positiven Seite. Aber ein paar Kleinigkeiten (ja, Tom das Glückskind) auch auf der negativen Seiten. Ich vermute, bei dir ist es leider genau umgedreht. Dennoch - auch das Gute ist zu würdigen, und wenns verdammt wenig ist. In meinem Leben gibts eine einzige Person, die keine einzige negative Seite hatte - meine Uroma. Und die verstarb leider, als ich 4 war.
Man muss nicht gut von seinen Eltern sprechen, da gebe ich dir recht. Was du aber auch nicht machst - bösartig und gehässig sollte man auch nicht werden. Du überlegst dir genau, was du noch ansprechen kannst - und wie. Andere drehen den Spiess einfach rum- weil sie jetzt am Drücker sind.
Ich weiss, du siehst den Unterschied, auch wenn ich das weniger gut formulieren kann als du.
 
  • #82
Diese Bitte setzt die Einsicht voraus, dass etwas falsch gemacht wurde.
Das will der Verletzte ja, er will, dass der andere es einsieht.
Ansonsten denke ich auch wie Du, dass selbst wenn derjenige um Verzeihung bittet, die Wunde trotzdem noch bearbeitet werden muss vom Verletzten. Also was hat man davon? Der Verletzte hat vielleicht davon, dass er jetzt "in Sicherheit ist" vor den Verletzungen des anderen und vor allem, dass ihm in seinem Gefühl rechtgegeben wurde. Ich kenn das so, dass einem die Gefühle dann ausgeredet werden sollten bzw. es noch als richtig dargestellt wurde, dass man mich verletzen musste.

Das tut man schon. Nur der alte Mensch tut das nicht. Er will einem vorgaukeln, dass es nur die gute Seite der Medaille gibt. Das verletzte Kind macht deutlich, dass da auch noch die andere Seite ist, nachdem ihm jahrelang eingetrichtert werden sollte, dass es nur eine Seite gibt.

Ich vermute, bei dir ist es leider genau umgedreht.
Bitte vermute hier nichts. Es geht hier nicht darum, wie mich meine Eltern unterstützt haben.
Man darf nicht den Fehler machen, sich ein Bild über einen Menschen zusammenbauen zu wollen aus Forenbeiträgen. Ich schreibe hier vieles nicht, weil das Menschen dazu verleitet, einen in eine Schublade zu stecken. Wie @Pia62 in ihrem letzten Thread geschrieben hat, will sie als Pia wahrgenommen werden, ohne dass da ein paar Fakten dranhängen, die das Bild in irgendeine Lage bringen.
 
  • #83
Grundsätzlich diskutiert es sich hier ziemlich am echten Leben vorbei ... Jede Situation ist anders. Und mit jedem Erlebnis reifen wir ein Stück bzw. können ähnlich erlebtes leichter einordnen.
Daher ist es müßig, über die unzähligen Bedürfnisse nach Erleichterung zu diskutieren.
Weil darum geht es ja eigentlich - ein schwerer Vorfall soll heilen können, in dem der Geschädigte hofft, dass der Verursacher es auch so sieht.
Doch wenn wir bedenken, dass wir alle auf dieser Erde sind, um Erfahrungen zu machen. Und an den tiefen Erlebnissen am meisten reifen - und zwar alle Beteiligten.
Dann kommen wir irgendwann ins Übermenschliche Heilige ... und danken dem Verursacher für die Erfahrung.
Es sind ja meistens die Verhaltensmuster welche weh tun, welche die Weichen stellen, für Veränderung.
Und aus dieser höchsten Sicht, macht ja alles wieder einen Sinn.
Unabhängig ob man es verstanden hat oder nicht.
Was wissen wir schon?
War es wirklich ein Fehler?
Oder eine Fügung?
Eine skandalöse Situation, die dennoch genauso geschehen musste?
Können wir die Worte jener Eltern noch auf die Goldwaage legen, wenn wir doch längst wissen, dass die Demenz schon lang vorher da war bevor sie diagnostiziert wurde?
Können wir verurteilen, wenn jemanden es einfach zuviel geworden ist mit allem, und davon gelaufen vor einem behinderten Kind?
Woher wollen wir wissen, wieviel der andere wirklich tragen kann?
Nur weil wir glaubten er solle es tragen?
Die Wahrheit war ... jener Mensch konnte es nicht tragen, oder jener Mensch ist abgehauen, oder fremdgegangen, oder hat sich genommen, oder ...
Die Wahrheit zählt. Und dass es dem Geschädigten weh tut. Aber ... wenn die Wunde schon vorher da war ... wird die Entschuldigung der Folgetäter die Ursache ohnehin nicht heilen können.
Und so betrachtet waren die Folgetäter dann hilfreiche Gesellen, welche auf die ursprüngliche Wunde gedrückt haben? ... damit sie endlich mal geheilt wird?
Auch diese sehr umfangreichen Gedanken sind sehr alte Weisheiten auf dieser Erde.
Die Trennung von Schuld und Nicht-Schuld aufheben, für diese Reife der Seele bedarf es der Übungs-Erlebnisse.
Kennt ihr die CD wo die kleine Seele im Himmel plant, etwas sehr Wichtiges zu lernen ... und alle erschrecken und wollen die Täterrolle nicht einnehmen ... bis eine ganz vertraute Seele die der kleinen Seele ganz nah verwandt ist, sagt ... 'ich liebe dich so sehr, und damit du deinem Wunsch gemäß reifen kannst, will ich diese schlimme Rolle auf Erden für die spielen. Aber im Himmel sind wir uns wieder nah. Erst dann können wir uns wieder umarmen'
 
  • #84
..Wieso soll ich jemandem, der mich verletzt hat, sagen, dass ich erwarte, dass er mich um Entschuldigung bitten soll? Dann kann ich ja gleich entschuldigen.

Da hast Du in dieser Form ganz sicher recht.

Was ich sage, ist, dass mich ein Verhalten verletzt (o.ä.) hat.
Damit signalisiere ich für mich Halt / Stopp. Gebe dieses Verhalten an den anderen zurück. Vergebe. Und Verabschiede mich damit vom Verursacher.
Was er damit macht, sein Thema, ob er sich entschuldigt, ändert, nachdenkt...

Was ich mit der Verletzung mache, das ist mein Thema.
Ich kann es heilen lassen, abhaken - oder im Verborgenen eitern, mich belasten lassen.
Ich kann eine Entschuldigung annehmen, als Verstärkerung meines eigenen Heiungsprozesses. Oder ignorieren. Oder zurück weisen.
Je nach Vorfall und Hintergrund denjenigen in Zukunft meiden.

Das alles ist meine Verantwortung, damit übernehme ich die Handlungshoheit für mich selbst - gerate aus der Opferrolle raus in eine aktive Handlungsrolle.

Aber als Exkurs von diesem ganz gewichtigen Themen,
Zum Banalen, dass auch so passiert,
Eine mir sehr liebe Freundin hatte am Montag Geburtstag und ich Schussel habe es, obwohl im Kalender, übersehen.
Natürlich habe ich mich entschuldigt, - sie hat es angenommen, und demnächst stoßen wir an.
Ob es nicht wider vorkommt? Ich hoffe, aber keine Garantie, ich verdchussle es immer wieder, egal welche Vorkehrungen.
 
  • #85
Unabhängig ob der andere sich entschuldigt ... wollen wir irgendwann von dem Erlebnis frei werden.
Wir wollen es ewig nicht mit uns rumschleppen, nur weil der andere nicht die Erkenntnis oder Einsicht oder Reife hatte, die Situation zu betrachten oder so zu fühlen wie wir.
WIR wollen die Last nicht mehr tragen. Unabhängig davon ob der andere seinen Anteil an der Last übernehmen will.
Vergebung ist ein Geschenk, dass wir uns selber machen.
Sie hat 3 Stufen:
Loslassen.
Verzeihen.
Vergeben.

Loslassen im Sinne von ... sich nicht mehr mit dem Vorfall beschäftigen, weiterleben, sich dem Alltag und damit auch dem Überleben zu wenden. Alle Erinnerungen notfalls in eine Kiste packen, in den Keller stellen.

Verzeihen ist nicht gleich Vergeben!
Zeihen bedeutet 'Zeigen' (auf etwas zeigen) also einen Vorwurf wiederholen.
Wiederholen bedeutet aber 'wieder holen' ... es wird ständig wieder durchdacht (Gedankenkarusell) gegrübelt, anderen erzählt.
Das kann ja mal helfen z.B. im Therapiegespräch, aber ist keine Dauerlösung!
Verzeihen ist also eine Zwischenstufe und bedeutet, ich werfe es dem anderen nicht mehr vor. Ich lasse den Vorfall beruhen.

Im Laufe der Lebenszeit findet irgendwann Vergebung statt. Man ist milde geworden. War selber schon in ähnliche Situationen gekommen. Hat vielleicht auch die andere Seite gelebt.
Oder man hat Erkenntnisse bekommen, wie der andere Menschen zu so einem geworden ist.
Oder Fortuna hat den erlittenen Schaden wieder gut gemacht.
Vielleicht ist man auch dankbar - weil ohne jenen Bösewicht, hätte man die Verändung hin zum Glück nicht gemacht.
(Ohne den Ex hätten wir die Liebe der Folgepartner nie gefunden)
...
Vergeben bedeutet Hingabe. Nicht mehr verharren. Es dem Leben anvertrauen. Ohne es verstehen zu müssen. Der andere ist wie er ist. Seine Einsicht, hat mit meinem Fortschreiten auf meinem eigenen Weg im Grunde wenig zu tun.
Fazit: Das innere Warten auf die Entschuldigung (Einsicht), ist eine Abhängigkeit, kostet Kraft & Zeit.

Wichtig: Vergebung findet nicht auf einmal statt, sondern etappenweise. Sie ist absolut keine Unterwerfung oder Niederlage!
Wir die Waffen freiwillig und aus eigener Entscheidung nieder. Keinem äußeren Einfluß wird gestattet, wann, was und wieviel wir vergeben!

Wir können vorläufig vergeben (und beobachten ob wieder Grenzübertritte geschehen) ...
Wir können 1x vergeben (dem Aggressor meiden, keine weitere Chance einräumen, uns erneut zu verletzen) ...
Wir können auch für immer und ewig auf jede Gutmachung verzichten und den Vorfall endgültig abschreiben ...
Oder für einen Teil der Verletzung auf Kompensation bestehen ...
Wir können nachsichtig loslassen...
Oder nur uns selbst zuliebe ...

Wir erkennen Heilung, wenn nicht nur Zorn sondern auch Wehmut veflogen sind.

Die tiefste Form der Vergebung wäre, dem Übeltäter in seiner eigenen Not Beistand zu leisten. Nicht hämisch, sondern in echter Anteilnahme und Selbstsicherheit. (Manche von euch erleben diese Prüfung nun mit ihren altersschwachenEltern)
 
  • #86
Unabhängig ob der andere sich entschuldigt ... wollen wir irgendwann von dem Erlebnis frei werden.

In diesem Zusammenhang finde ich den sprachlichen Ausdruck wirklich wichtig. Der andere kann sich nicht entschuldigen, wenn er mir etwas getan hat. Er kann um Entschuldigung bitten. Das tut er nicht für mich, sondern für sich. Daher macht es keinen Sinn, eine "Entschuldigung zu erwarten". Ich könnte höchstens die Bitte um Entschuldigung erwarten. Warum erwarte ich das? Weil ich mich dann groß und im Recht fühlen kann? Ob ich den Fehler eines anderen mit mir herumtrage, ist meine Entscheidung. Die ist letztlich unabhängig davon, ob ich "entschuld(ig)e", vergebe oder nicht.

Zeihen bedeutet 'Zeigen' (auf etwas zeigen) also einen Vorwurf wiederholen.

Das stimmt so nicht. "Zeihen" bedeutet "bezichtigen, beschuldigen". Die Vorsilbe "ver-" hat hier wohl am ehesten die Bedeutung, dass etwas als schwierig oder negativ markiert wird.
 
  • #87
Entschuldigen bedeutet ja jemanden oder sich selbst von einer Schuld zu befreien! Schuld begehen Menschen an anderen, sei es mit Worten, Handlungen oder auch Unterlassen von Hanlungen.

Wenn z.B. ein Passant achtlos an einem auf dem Boden liegenden vorbeigeht, ohne nach ihm zu schauen, ob es ihm gut geht und er Hilfe bräuchte und vielleicht später aus den Medien zu erfahren dass diesem Mann die Zehen amputiert werden mussten, weil er Erfrierungen hatte. Schuldig ist er deswegen geworden, weil er die Hilfe unterlassen hat, die er hätte leisten können und sei's nur die Ambulanz gerufen zu haben. Aus dieser Tat bzw. Unterlassen der Hilfe entstehen bei ihm Schuldgefühle.

Schuldgefühle sind eine gesunde und keine pathologische Reaktion der Psyche auf ein Vergehen. Nur Psychopathen empfinden keine Schuldgefühle gegenüber der Mitmenschen. Das ist eben krankhaft/pathologisch. Ähnlich wie Schmerzen, wenn wir uns an der Tischkante gestossen hatten und signalisieren, das etwas nicht stimmt, dass wir eine Verletzung haben. Die Schuldgefühle signalisieren uns, dass wir eine schlechte Tat begangen haben. Wenn ein Partner die Partnerin betrügt und ihr nichts davon erzählt.

Und darum haben wir, wenn wir unser schlechtes Gewissen oder uns unsere Schuldgefühle entledigen wollen das Bedürfnis, sich beim Opfer zu entschuldigen. (viele andere unterdrücken die Schuldgefühle). Der geschädigte muss aber nicht gewillt sein, den Täter zu entschuldigen und ihn von der Last zu befreien aber alleine jemanden um Vergebung zu bitten entlastet bereits den Schuldigen.

Ich empfinde das auch so, denn wenn ich mich selbst bei jemandem entschuldige und ihm sage, dass mir etwas sehr leid tut, dann signalisiere ich damit dem anderen, dass ich von selbst zu dieser Einsicht und Erkenntnis gekommen bin: Schuld auf mich geladen zu haben und es wieder gut machen möchte!

Das befreit und entlastet die eigene Seele unabhängig davon, ob der andere meine Entschuldigung annimmt oder nicht. Dann kann ich sagen: ich habe meine Schuldigkeit getan! Und damit abschliessen.
 
  • #88
Sprachlich ist die Verzeihung nach der Vergebung, etwas geringer als die Entschuldigung, die ich dem anderen gewähre.

Vergeben kann ich. Das entlastet mich.

Ob ich bei Verletzungen verzeihe, oder sogar ent-schuldige - ich setze diesen Gedankenstrich bewusst, weil Entschuldigen psychologisch eine gefühlte Annahme eines Schuldanteils beinhalten kann, ist meine Entscheidung.

Bei manchen Verletzungen ist ein Verzeihen oder sogar ein Entschuldigen m.E. einfach nicht möglich, da würde ich nehme Verletzung und damit mich nicht ernst nehmen, bagatellisieren.

Vergeben hilft, ist für einen selbst wichtig, zur Heilung der Verletzung, und um lastfrei weiter zu gehen. Sonst verletzt der Täter immer weiter.
 
  • #89
Ist es nicht so, dass, wenn wir die Schuldfrage einmal nicht abstrakt betrachten, sehr oft beide Parteien Anteile daran haben?
Ist die Frau, die seit Jahren keinen Sex mit ihrem Ehemann will, nicht selber schuld, wenn er sich den woanders besorgt? Ist der Mann, der bevormundet wird, nicht selber schuld, weil er sich nicht positioniert?

Wenn wir uns das Gesetz anschauen, so werden dort unterschiedliche Grade von Schuld unterschiedlich sanktioniert. So gibt es Totschlag in versch. Varianten, es gibt aber auch den Mord. Dazu kommen diverse Strafmilderungsgründe.
Dazu kommen diverse Fakten. Nicht alle, die sich als Opfer fühlen, sind auch welche. Und ein Schuldspruch wird von einer neutralen Instanz (Gericht) gefällt. Dazu kommt, dass zu unserem Glück Moral und Religion nicht verbindlich für unsere Gesellschaft sind. Ich möchte hier islam. Staaten erwähnen - mit Recht, Schuld o.ä. hat das nichts zu tun.
Dazu kommt: es ist nicht das Selbe, wenn 2 das Gleiche tun. Es kommt auf die vorangegangenen Interaktionen an. Und ja, manche Menschen sind eben sehr sensibel, andere nicht.
 
  • #90
Schuldfrage,
Ich mag da sehr genau werden, Tom, danke für diesen Einwurf.

Schuld setzt für mich Vorsatz voraus, ansonsten möchte ich dieses Wort nicht verwenden.
Alles andere läuft für mich unter der Überschrift Verantwortung. (mache ich auch bei meinen Eltern, bei denen ich
nicht von Schuld rede).

Verantwortung heißt
Ich entscheide, was ich wie, wann tue, manchmal denke ich nicht ausreichend über die Konsequenzen nach, manchmal kam ich sie nicht abschätzen.
Und es gibt Dinge, für die ich zwar die Verantwortung übernehme, weil ich Verursacher bin, aber es einfach ein Missgeschick war, ein Unfall, eine Vergesslichkeit. Ich bin Verursacher, aber ich bin ein Mensch, mache Fehler und kann nicht jeden Fehler vermeiden.

Auch im Strafrecht gibt es die Abstufungen, von Schuld, grob fahrlässig, fahrlässig, leicht fahrlässig...

Gerade in Beziehungsthemen ist es selten eine Einbahnstraße, Verantwortlichkeiten, eigene Anteile sind beidseitig anzuschauen.

Das Wort Schuld wird für mich zu oft missbraucht, gerade bei Erwachsenen.
Da ist der andere schuld, die Gesellschaft, der Staat, wer, was auch immer.
Nur man selbst ist unschuldiges Opfer.

Eine Verhöhnung für Menschen, die wirklich Opfer wurden.
 
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