• #1

Kann man Gefühle wissentlich lenken ?

Wir hatten letztens eine Diskussion. Da ging es um einen Mann, der aus Angst vor Verletzungen sein Herz verschlossen hat. Jetzt behauptet er, dass er das nicht wissentlich lenken kann.

Er ist älter und hat schon einige emotionale Verletzungen hinnehmen müssen. Entweder wurde er verlassen oder betrogen.

Was meint Ihr dazu ?
 
  • #2
Ja, man kann seine Gefühle wissentlich lenken, denn die Gefühle sind das Ergebnis der Gedanken. Zunächst einmal ist alles, was einem Menschen widerfährt, etwas Neutrales. Erst durch unsere Bewertung werden die Ereignisse positiv oder negativ. Könner der Wahrnehmung, Achtsamkeit und Reflexion lassen sich deshalb bei den Ereignissen des täglichen Lebens nicht zu einem "Oh, welche Schei...., immer ich, ständig passiert mir so etwas!" hinreißen, sondern programmieren sich auf etwas Neutraleres um, wie z.B. "Na, so was!" Denn das Gehirn wird uns nach unserem Denken unsere Wahrnehmung filtern: Alles, woran wir ständig denken, wird uns vom Gehirn aus der riesigen Menge an Wahrnehmungen als relevant herausgefiltert.
So, wie man denkt, wird man sich also die Welt gestalten, denn unsere Gedanken ergeben die Basis für unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle und unser Handeln.
Es ist, wie es der Talmud sagt: "Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Deine Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Deinen Taten. Achte auf Deine Taten, denn sie werden Deine Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Leben."
 
  • #3
Für mich mischt sich hier was in der Fallbeschreibung und in der Fragestellung.

Der Mann könnte sich damit befassen, ob er einen Eigenanteil daran hat, dass ihm mehrfach dasselbe passierte. So wie er klingt, scheint er nie mal einen Denkschritt in eine andere Richtung gemacht zu haben. Er ist ein Opfer böser Frauen oder Umstände, fertig. Daran kann er nichts ändern, sondern sich nur schützen.

Die andere Sache ist, ob man Gefühle wissentlich lenken kann. Kann sich mit seinem Fall mischen, aber für mich ist es was Separates, weil ja auch die Leute mit einbezogen werden sollten, die NICHT auf einem Fleck stehenbleiben können/wollen.

Ich frage mich auch, ob man nicht irre wird dabei, sich Gefühle auszureden. Ich meine, wenn jemand dir was Fieses sagt oder antut, und das sind Mutter oder Vater z.B. oder der Partner, also Leute, von denen man was Nettes erwartet, bei denen man sich gefühlsmäßig geöffnet hat, also wenn so einer was Gemeines sagt, wie soll man dem anders gegenüberstehen, als verletzt zu sein? Klar, wenn man autonom genug ist, aber ich glaube, es gibt nur sehr wenige Menschen, die diese Leute dann noch lieben wollen und sich dauernd denken "der meint das nicht so" oder "es liegt an mir, ob ich mich jetzt verletzt fühle". Wenn einen niemand verletzen kann, ist man mE ein einsamer Mensch, da man sich nie gefühlsmäßig geöffnet hat.

Ich würde sagen, MANCHE Gefühle kann man wissentlich lenken. Wenn ich merke, jemand will mich kränken, und das ist nur eine Bekannte, juckt es mich idR nicht.
Aber wenn die Gefühle aus einer Zeit kommen, als man Kind war, als man noch nicht wusste, wie man intellektuell mit den Gefühlen umgehen soll und noch keine Möglichkeit hatte, mal die Sache "von oben" zu betrachten, also seine eigenen Gefühle außen vor zu lassen und zu erkennen, was gerade im Gefühlsleben abläuft, dann kann man die Gefühle - vielleicht zunächst - noch nicht lenken.

Ja, man kann seine Gefühle wissentlich lenken, denn die Gefühle sind das Ergebnis der Gedanken.
Die Preisfrage sehe ich hier in: Kann man seine Gedanken bewusst lenken. Das kann nämlich auch kaum wer, glaube ich.

Ich würde sagen, wenn man die Entwicklung des Menschen vom Baby an betrachtet, war da zuerst das Gefühl, nicht der Gedanke. Damit meine ich nicht warm-kalt-hungrig usw., sondern Geborgenheit, angenommen werden, positive Reaktionen bekommen und dass einer da ist, für die Bedürfnisse zu sorgen, für die ein Kind ja nicht sorgen kann. Wenn das nicht passiert, bekommt der Mensch schlechte Gefühle, auf sich bezogen (ein Kind denkt ja, es liegt an ihm, wenn es nicht umsorgt wird), auf andere Menschen bezogen (Vertrauensmissbrauch durch die Eltern) usw..
 
  • #5
1. Den Mann am besten in Ruhe lassen!
2. Nicht versuchen, dein Helfer-Syndrom auszupacken.

Und bitte rate ihm bloß nicht, dass er an sich arbeiten könnte. Wenn Menschen ihre Gefühle lenken wollen, dann tun sie das, wenn nicht, dann nicht.

Selbstschutz geht immer vor, deswegen verschließen sich manche Menschen.
 
  • #6
Ich glaube nicht, das man Gefühle wissentlich lenken kann, sie sind halt erstmal in einer Situation da und sagen uns etwas. Rational kann man selbst versuchen diese zu beeinflussen, aber steuern? Wenn ich Liebeskummer habe, habe ich Kummer, wenn jemand mich verlässt, trauere ich, wenn mich Worte oder Handeln verletzen, weine ich und bin traurig und enttäuscht, so auch bei Stress, Genervtsein, Wut, Freude, Neid, Depression, Panik, Eifersucht, Angst. Diese Gefühle sind erstmal präsent und es für mich nicht unbedingt was Gutes, einfach zu sagen, Reiss Dich zusammen, hör‘ auf zu jammern oder freue Dich nicht so dermaßen. Dieser Mann hat in erster Linie Angst, Angst wiederholt in einer Beziehung enttäuscht und verletzt zu werden. Das ist erstmal gesund, wie @Mann54, Post #4 schrieb, es ist Selbstschutz. Wenn er sich deshalb nicht mehr verlieben kann oder sehr misstrauisch und zögernd ist, dann ist es eine natürliche Reaktion auf dieses Gefühl. Das kann man mal eben nicht mit Worten nehmen, sondern mit Verständnis, Vertrauen von Anderen und dem eigen Willen, es anders haben zu wollen bzw. davon nicht beherrschen zu lassen. Diese Wege und Strategien mit seinen Gefühlen umzugehen, muss er für sich finden, Menschen sind individuell, auch wie man die Gefühle besser kanalisieren und zeigen kann, dafür gibt es Skills, die derjenige aber selbst aus eigener Motivation angehen (finden) muss. Wie man erschüttertes Vertrauen wieder aufbaut, halt langsam in dem Situationen passieren, wo sein Vertrauen nicht missbraucht und enttäuscht wird, so dass sich Vertrauen wieder aufbaut und dadurch das Gefühl nachlässt Angst zu empfinden. Rational (Kopf) weiß man aber längst, dass man bei der Partnerwahl besser hinschauen müsste und es selbst dann für nichts eine Garantie im Leben gibt, wir sind nicht vor Enttäuschungen gefeit, nur das Gefühl (Herz) holpert hinterher oder gibt die Richtung vor.
 
  • #7
Natürlich geht das - nicht bei allen Gefühlen, aber fast immer.
Schmerz aufgrund einer Verletzung kannst du nicht lenken. Da ein Warnsignal des Körpers.
Aber die Fähigkeit zu Liebe etc - kannst du dir abgewöhnen. Auch Mitleid kannst du abtrainieren, denke hier an Sanitäter oder Ärzte.
 
  • #8
Gefühle kann man vielleicht nicht "lenken," aber mit Sicherheit beeinflussen. Vom Entstehen bis zum Erhalten oder eben auch Vergehen.
 
  • #9
Ich glaube nicht, das man Gefühle wissentlich lenken kann, sie sind halt erstmal in einer Situation da und sagen uns etwas. Rational kann man selbst versuchen diese zu beeinflussen, aber steuern? Wenn ich Liebeskummer habe, habe ich Kummer, wenn jemand mich verlässt, trauere ich, wenn mich Worte oder Handeln verletzen, weine ich und bin traurig und enttäuscht, so auch bei Stress, Genervtsein, Wut, Freude, Neid, Depression, Panik, Eifersucht, Angst.

Ich finde, lenken, steuern, beeinflussen sind in diesem Fall Synonyme. Daher machst du hier eine Unterscheidung auf, die nicht zutrifft, weil du hier über ein und dieselbe Sache sprichst. Soll heißen: Wenn du Liebeskummer hast, ist natürlich das Gefühl erst einmal da, das ist richtig. Das Gefühl ist aber nur deswegen da, weil da natürlich irgendwelche erlernten Trigger aus der Kindheit (sprich Bindungsverhalten und Verlustangst, etc.) angesprochen werden. Wenn du unter anderen Umständen groß geworden wärest, z.B. vllt. in einem anderen Kulturkreis oder im Krieg oder so, dann würden dich eventuell ganz andere Dinge triggern und dieser Verlust würde dich gar nicht so angreifen. Also sind Gefühle schon an dieser Stelle definitiv beeinflussbar. Außerdem kann man ja tatsächlich bei Liebeskummer mit der Kraft seiner eigenen Gedanken (Reflexion, Ablenkung, immer wieder Gespräche führen) dazu beitragen, dass der Liebeskummer weniger wird und das Gefühl weniger intensiv ist. Das geht. Schlussfolgerung: Man kann seine Gefühle definitiv steuern, abmildern, lenken, kanalisieren, beeinflussen. Wenn das nicht ginge, wäre ja jedes Anti-Aggressionstraining völlig sinnfrei, oder die Pädophilen, die vorbeugend in der Charité therapiert werden, damit sie nicht im Gefühlsüberschwang ein Kind anfassen, oder auch Traumapatienten, währen ja hoffnungslos verloren und es wäre alles rausgeschmissenes Geld. Das ist aber de facto nicht so.

Man nennt das auch umgangssprachlich: Den Kopf einschalten.

Das, was du meinst, liebe @Andere Frau ist, dass man Gefühle sicherlich nicht unterdrücken kann und auch nicht sollte, weil das ganz sicher ungesund ist und den Zugang zu den eigenen Gefühlen versperrt. Und dann wird's wirklich böse. Davon war aber meines Erachtens gar nicht die Rede.

Ich denke, da reden wir beide über die gleichen Dinge, allerdings finde ich, dass da argumentativ einiges durcheinander geworfen wurde.
 
  • #10
Ich denke nicht, dass man seine Gefühle wissentlich und willentlich lenken kann. Gefühle sind erstmal Botschaften des Unbewussten und damit einfach da.

Man kann sie allerdings reflektieren und analysieren und dadurch dann unter Umständen übersteuern, etwa wenn man feststellt, dass es eine emotionale "Fehlzündung" ist.

Beispiel: Ich lerne einen Menschen kennen, der mit zutiefst unsympathisch ist, obwohl er sich nichts zuschulden kommen gelassen hat und bislang kaum drei Worte mit mir gewechselt hat. Wenn ich überlege, woran das liegt, fällt mir auf, dass dieser Mensch Merkmale hat, die mich an jemanden erinnern, der mich mal wirklich verletzt hat. Dadurch wird mir klar, dass nicht der andere die Ursache für meine schlechten Gefühle ist, sondern ich selbst, und schon ist meine Antipathie deutlich gemildert. Ähnlich ist es mit Situationen, die mir Angst machen.

Manchmal stellt man dabei auch fest, dass die Gefühle berechtigt sind und dringend beachtet werden sollten. Es wäre also auch echt dumm, seine Gefühle zu lenken, wenn das bedeutet, dass man Warnsignale unterdrückt, weil sie eben unerwünscht sind.

Das muss man allerdings schon freiwillig machen. Viele Leute verstecken sich einfach gerne hinter echten oder eingebildeten vergangenen Verletzungen und "verschließen" dann halt "ihr Herz". Ich finde sowas immer ein wenig melodramatisch, aber im Grunde teilen sie einem damit ja nur ihre Entscheidung mit. Das muss man dann halt respektieren, auch wenn es manchmal schwer fällt.
 
  • #11
Hallo,

Ja das geht, dass man Gefühle auch lenkt.
Denk mal an das sogenannte Lachyoga.
Rein durch die Simulation eines Lachens, hebt das die Stimmung.
Auch kann man bewusst, wenn Gedanken immer wieder kreisen ein Stop setzen. Man kann sich bewusst dafür entscheiden negative Gefühle abzuwenden und positive zuzulassen. Man kann bewusst eine optimistische Grundeinstellung haben.

Wenn allerdings jemand erkrankt ist, ist es kaum aus eigener Kraft möglich. Da bedarf es professioneller Unterstützung, möchte ich hierbei anmerken.
Wenn nun jemand seelische Verletzungen erlitten hat, kann es passieren, dass die Psyche sich aus einem Selbstschutz heraus wie eine Art Schutzmantel bildet. Das kommt oft vor und ist dann auch nicht beeinflussbar. In etwas wie eine Amnesie bei Verunfallten.
Genauso können sich Verletzungen auf das Gefühlsleben auswirken.
Im Fall deines Freundes, hat das dann wohl viel mit Vertrauensverlust zu tun und der Angst vor erneuten Verletzungen. Er muss erst wieder Vertrauen lernen. Nicht nur zu anderen, sondern vor allem zu sich selbst. Das ist mit Sicherheit ein Weg der zu gehen ist und kann nicht von jetzt auf gleich gegangen sein.
Diesen Weg kann derjenige aber nur selber gehen, wenn er es denn möchte, oder mit Hilfe einer neutralen Person.
Die Person, die gerne hätte, dass sich der Betreffende jetzt verlieben soll, ist da nicht neutral.

LG
 
  • #12
In Jung hätte ich geantwortet: nein geht nicht
In Alt sage ich: ja geht

Und das könnte man jetzt klein ausdiskutieren und natürlich mit einem: ja aber belegen -)

Zumindest war ich früher schnell verknallt oder wenn nicht, wurde es nie mehr was

Heute bilde ich mir zumindest ein: fahre ich meine Gefühle erst langsam hoch und das bewusst.

Grund: oft weiss man erst nach ein paar Monaten, wie der andere wirklich tickt.
 
  • #13
Wenn du Liebeskummer hast, ist natürlich das Gefühl erst einmal da, das ist richtig. Das Gefühl ist aber nur deswegen da, weil da natürlich irgendwelche erlernten Trigger aus der Kindheit (sprich Bindungsverhalten und Verlustangst, etc.) angesprochen werden. Wenn du unter anderen Umständen groß geworden wärest, z.B. vllt. in einem anderen Kulturkreis oder im Krieg oder so, dann würden dich eventuell ganz andere Dinge triggern und dieser Verlust würde dich gar nicht so angreifen. Also sind Gefühle schon an dieser Stelle definitiv beeinflussbar.
[...]
Man nennt das auch umgangssprachlich: Den Kopf einschalten.
Liebe NormaJean, nein, ich meine es so, wie ich es geschrieben habe. Gefühle lassen sich nicht bewusst lenken, zumal sie ein automatischer biochemischer Prozess sind, gleichgültig woher meine Trigger kommen oder welche Erfahrungen ich gemacht habe. Da ist eine Situation, auf die reagiert zuerst mein Gefühl, dann erst kommt mein Kopf und Verstand und bewertet Gefühl mit der Situation; nur die gezeigte Reaktion und Handlung kann ich mit meinem Verstand steuern, dass Gefühl keinesfalls.

Wie oft, zeigen sich Menschen freundlich, ruhig und stark, fühlen sich aber nicht so, kochen innerlich, platzen innerlich vor Wut, aber erfüllen Erwartungen und lächeln es weg. Nur weil man es weglächelt, fühlt man es nicht automatisch so. Nur weil ich nicht negative Gefühle zeige und gewaltvoll auslebe, sondern nur mein Verhalten und Reaktion der Situation und den Menschen anpasse, heißt dass nicht, dass ich das Gefühl, damit gedanklich geändert habe; ich zeige es nur nicht oder im Rahmen gesellschaftlich akzeptierten Verhaltens.

Das gezeigte Verhalten ist oder sind aber nicht automatisch Ausdruck von gleichwertigen Gefühlen.

Ich habe mich einmal Hals-über-Kopf verknallt, war in der Situation völlig unpassend und aussichtslos. Mein Kopf hat dann Strategien gewählt, mit meinen Gefühlen umzugehen. Ebenso bei meiner Angst, resultierend aus einen Überfall. Das Gefühl ist da, dann fange ich an, mit meinem Verhalten dagegen zusteuern, dass Gefühl bleibt aber auch weiterhin latent bestehen und ist mal eben nicht weg"gesteuert oder weggelenkt".

Erst mit der Zeit und wiederholten Erfahrungen lernt man, einem neuen Gefühl zu vertrauen, dass nicht immer genau das passieren oder eintreten muss, was man erwartet und einem das vorherige Gefühl (aus Trigger, Reiz oder Erfahrung, egal...) zunächst vermittelt.

Also kurz gesagt: Gefühle lassen sich nicht bewusst steuern und lenken, (sich auch nicht unterdrücken), der Umgang und die Reaktion auf diese Gefühle, kann ich aber in jedem fall rational und wissentlich beeinflussen.

Liebe NormaJean, ich lese deine Beiträge gern, wir müssen nicht immer konform gehen. (Smile) Das Forum lebt vom Austausch, aufgrund der Vielfältigkeit von Gedanken und Meinungen.
 
  • #14
Die klinische Psychologie folgt der Meinung, die Gedanken gehen den Gefühlen voraus. Sie erzeugen die Gefühle, die ihnen folgen.

Gedanken "kommen" und "gehen", und aus diesem Grund ist Meditation, bei der erlernt wird, Gedanken kommen und gehen zu lassen, empfehlenswert, wenn ein Leidensdruck beklagt wird.

Gedanken lassen jedoch sich auf ihre individuelle Gültigkeit und Glaubwürdigkeit überprüfen. Weiterführend sei hier Literatur von Byron Katie mit ihren "Vier Fragen" empfohlen, die jedoch der klinischen psychologischen Literatur an dieser Stelle dem Leser überempfohlen bleibt. Mir entzieht sich, ob sie klassisch anerkannt ist.
 
  • #15
Ich glaube nicht,dass man Gefühle und Gedanken überhaupt voneinander trennen kann wie d. Chirurg/in beispielsweise das Herz bei der Transplantation (vermutlich) von der Aorta trennt. Wir hätten das der Überschaubarkeit gerne so und verorten deswegen das Gefühl nur zugern im Herzen, die Vernunft nur zu gerne im Hirn. In Wahrheit aber lebt der gesunde Geist nur im gesunden Körper, und der, das haben wir alle erlebt, als wir vor langer Zeit mal nicht sofort gefüttert werden konnten, an die Herdplatte gefasst oder mit den Knien und viel Anlauf auf die Straße geknallt sind, hat ganz viel mit Gefühlen zu tun.
Und die Wahrheit ist wohl auch, dass unser Denken durch Emotionen gelenkt wird, unsere Emotionen von unseren Gedanken: der spannende Schul- oder Unistoff, an den wir uns immer noch erinnern können, das Lächeln beim Nachhauseweg nach der so aufregenden, vielleicht kopflastigen Unterhaltung mit einem Bekannten, dem großartigen Theaterstück, während dem man ganz viel gleichzeitig denkt und fühlt und lacht und ergründet. Oder ist das Fühlen womöglich nicht auch ein Denken oder Sich-Erinnern an Erlebtes? Sind Erinnerungen nicht Verstand und Gefühl in einem? Assoziiere ich nicht v.a. mithilfe abgespeicherter Gefühle oder sind es vernünftige Gedanken oder Erinnerungen...?
Ich glaube, es geht nicht, Gedanken und Gefühle lassen sich nicht einfach trennen. Den krassen Schritt würde ich noch weiter gehen und behaupten, selbst die Logik kann nicht frei von Gefühlen sein.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen (und der tiefen Verbundenheit zwischen Gefühl und Verstand gerecht zu werden) denke ich, dass man beides bzw. sein Denken und Fühlen nicht einfach übergehen darf (vielleicht auch nicht kann)aber dein Freund kann dazu lernen und seine Erfahrungen damit zum Positiven hin bereichern, um am Ende vondiesen Altlasten frei zu sein. Ein logischer Widerspruch ist ja: andere Männer haben kein solches Problem mit Frauen und führen sogar ein glückliches Leben mit ihnen, ohne dabei betrogen oder verletzt zu werden. Frauen sind also nicht per se etwas, das gemieden werden muss. Sie sind nicht per se ein schlechter Umgang usw... :)
Ein anderer Gedanke: andere Männer wurden auch verletzt, haben das überlebt danach konnten sie wieder glücklich mit einer Frau zusammenleben. Das kann dein Freund dann vielleicht auch. Und eins hat er auch schon geschafft, es aber offenbar übersehen oder wieder vergessen: Er hat das Nehative auch erlebt und anschließend auch überlebt.

Dein Freund könnte mit Männern sprechen, die positive Erfahrungen zu berichten haben, und sich selbst die große Aufgabe in kleinere, machbare Schritte einteilen, und die kleineren, noch zu großen in noch kleinere, machbare. Hauptsache es geht voran. Auch mit 7 km/h kommt man irgendwann ans Ziel. Es dauert nur länger, aber zu Fuß braucht man keinen Airbag...
Vielleicht hilft ihm auch eine Therapie.
 
  • #16
Achso: Die Reise braucht auch bei gedrosselter Geschwindigkeit ne klare Route und ein klares Ziel. 5 Mal im Umkreis von 5 km drumherumlaufen oder die "Abkürzung" über 10.000 km in die falsche Richtung kann ja jede/r...
 
  • #17
Die Preisfrage sehe ich hier in: Kann man seine Gedanken bewusst lenken. Das kann nämlich auch kaum wer, glaube ich.
Doch, auch das geht. Man kann es sogar trainieren und sich ganz bewusst eine andere mentale Aufstellung aneignen. Da gibt es viele Möglichkeiten, wie man es angeht, angefangen über Meditation oder bestimmte Sätze, die man sich immer wieder sagt, am besten, wenn man kurz vor dem Einschlafen oder nach dem Aufwachen im Bett liegt. Oder man wendet Methoden an, die sich die Verknüpfung von Augenbewegungen und Gehirn zunutze machen.
Da das Gehirn neuroplastisch ist (= sich durch Umbau seiner Nervenzellenverbindungen verändern kann; man verzeihe mir die unwissenschaftliche Ausdrucksweise, die wahrscheinlich nicht exakt ist), wird das, was am Anfang nur eine Trainingsübung ist und sich eventuell nicht als "echtes" Denken anfühlt, irgendwann tatsächlich zur echten Geisteshaltung. Je mehr man seine Geisteshaltung trainiert, desto normaler wird es.
Bsp.: Anfangs bringt einen ein Ereignis von außen aus dem Gleichgewicht und man schafft es erst nach einer negativen Bewertung ("Ah, verdammt!"), zum neutraleren "Na, so was" zu kommen, weil man es noch trainiert und noch nicht verinnerlicht hat. Bleibt man am Ball, wird man irgendwann beim nächsten Ereignis von außen gar nicht mehr so hochgehen und wirklich in innerer Neutralität ein "Na, so was" sagen. Ein spiritueller Mensch würde sagen, man ist mehr im "Zen"/ in seiner inneren Mitte.
Für Menschen mit schwach ausgeprägten sog. exekutiven Funktionen kann solches Training zentral sein, damit sie nicht alle ihre sozialen Beziehungen zerstören, weil sie beispielsweise ihre Impulskontrolle nicht im Griff haben. Alles, was hilft, ihrem limbischen System nicht immer gleich zu erliegen, wird helfen, solchen Menschen besser durchs Leben zu kommen. Jugendliche können z.B. sog. Biofeedback-Training machen.
Ich denke allerdings so wie Du, @void, dass die Beherrschung und Lenkung der Gedanken erst mit steigendem Alter und Bewusstsein möglich wird, d.h. mit dem bewussten Wunsch nach geistigem Wachstum.
 
  • #18
Die klinische Psychologie folgt der Meinung, die Gedanken gehen den Gefühlen voraus. Sie erzeugen die Gefühle, die ihnen folgen.
Dass man sich in schlechte Gefühle denken kann, kenne ich auch. Der Schluss ist, seine Gedanken zu "kontrollieren", zu beeinflussen. Dahingehend verstehe ich schon, dass positives Denken und Meditation usw. sehr hilfreich sind und mach das auch (positiver denken als früher bzw. Dinge nicht wichtig zu nehmen. Meditiert habe ich noch nicht absichtlich.). Ich glaube aber, dass dorthin zu kommen, die schwere Hürde ist. Denn wie man sich in schlechte Gefühle hineindenkt, passiert unbewusst und hat ja Gründe, die von Erfahrungen kommen werden. Vielleicht auch von charakterlichen Eigenheiten (ich glaube schon dass es "Glas halb voll"- und "Glas halb leer"-Menschen gibt). Also ich kenne das zumindest so. Diese Gründe muss man erstmal genau aufschlüsseln und als nicht-vorhanden identifizieren. Und manche sind aber tatsächlich da und Positiv-Denken ist dann Sich-was-Vormachen.
Gedanken lassen jedoch sich auf ihre individuelle Gültigkeit und Glaubwürdigkeit überprüfen.
Das wird wohl der Knackpunkt sein - wie kann man das lernen, es zu unterscheiden, ob man gerade nur was schlecht interpretiert oder ob einem wirklich was Negatives widerfahren ist. Und ob man mitschuld dran ist und es beim nächsten Mal vermeiden könnte.

Bei dem Bekannten der FS denke ich, dass man ihn in Ruhe lassen sollte. Wenn er für sich entschieden hat, dass er sich zurückzieht und es nicht beeinflussen kann, ist das hinzunehmen, weil er ja die Person ist, die den ersten Schritt raus aus dem Kreis machen müsste. Manchmal denke ich, dass es wirklich Fälle gibt, wo es zu schmerzhaft wäre bzw. zu spät ist, sich mit den Gründen seiner Sichtweise auseinanderzusetzen. Denn ich denke, wann immer man anfängt, Beziehungsmuster zu analysieren, kommt man zwangsläufig erstmal auf das Verhalten der Eltern, und dann da durch zu gehen, was die alles falsch gemacht haben und nun nicht mehr ändern können, ist ein langer, schmerzhafter Weg. Die Eigenanteile, also der Charakter, wie man mit dem Erlebten umgeht, spielen zwar auch eine Rolle, aber erstmal steht man ja an dem Punkt, was falsch lief durch die, von denen man abhängig war.
 
  • #19
Ich bin kein Verhaltens Biologe aber ich glaube schon, dass man Gefühle lenke kann. Je nach dem welche Erfahrungen man hatte, reagiert man auf eine Reiz auf bestimmte Art und Weise. Ich glaube es nennt sich Pawlovsche Gesetz?
Das ist einfach die klassische Konditionierung, die durch ein zusätzlicher Reiz beeinflusst werden kann.
Zum Beispiel: Verliebtheit ist ein schönes Gefühl aber es wird durch eine zusätzliche Information negativ behaftet. Der Mann war sehr verliebt und er wurde betrogen und dann verlassen. Sein Kopf hat sich es gemerkt und weiß, dass Verliebtheit zur Enttäuschung und Schmerz führen kann und reagiert dementsprechend ablehnend auf die Verliebtheitsgefühle. Dein Freund kann diese Konditionierung aufheben, in dem er öfters andere Erfahrungen macht. Dafür muss er es aber erst mal zulassen. Also er muss es selbst wollen.
Dieses Phänomen gibt es auch bei Posttraumatische Belastungsstörung. Zum Beispiel jemand wurde durch einen Anruf von dem Betrug des Lebenspartners in Kenntnis gesetzt. Der Anrufer hat eine bestimmte Vorwahlnummer XYZ. Die Person, die diesen Anruf entgegen nahm, vermeidet dann alle weitere Anrufe, die XYZ als Vorwahl haben. Er kann aber aktiv dagegen wirken, in dem er Anrufe doch entgegen nimmt. Also man kann diese Konditionierung wieder aufheben. Er muss es wollen und zulassen.
 
  • #21
Wir hatten letztens eine Diskussion. Da ging es um einen Mann, der aus Angst vor Verletzungen sein Herz verschlossen hat. Jetzt behauptet er, dass er das nicht wissentlich lenken kann.

Vielleicht kann man Gefühle nicht unbedingt lenken, doch man kann mit ihnen umgehen. Das heißt, etwas was einen gefühlsmäßig erwischt, kann trotzdem gehirnmäßig hinterfragt und beurteilt werden, so dass man eine Entscheidung treffen kann, ob es gut oder schlecht für einen selbst ist und ob man sich dem aussetzen will.

Gefühle können einen plötzlich treffen, von einer Sekunde zu anderen. Sie können aber auch langsam wachsen. In beiden Fällen sollte man nie sein Gehirn außer Acht lassen, um nicht in ein Gefühlschaos zu gelangen, das einem das Leben nicht mehr lebenswert macht.


Im Fall von diesem älteren Mann waren seine emotionalen Verletzungen, die er hat hinnehmen müssen, so schmerzhaft, dass er deshalb keine Gefühle mehr zulassen will, weil er keine Gefühlsachterbahn mehr braucht, weil er mit seinem Leben zufrieden ist und es ihm so besser geht.

Klar ist das ein Schutz vor weiteren Verletzungen, doch wenn er für sich so entschieden hat, dass er eben kein Gefühlsrisiko mehr eingehen will, sollte man das akzeptieren.
 
  • #22
Update: wir hatten noch mal darüber diskutiert. Einige Leute unserer Runde meinten, wenn nur der Kopf/ Verstand beteiligt ist, dann geht das. Wenn es um Emotionen/ Herz geht, dann könnte man es nicht beeinflussen.
Ich sehe es so, daß darauf ankommt, was ist passiert. Ist die Verletzung groß ? Oder hat man ein für alle Mal die Nase voll von Beziehungen.
 
  • #23
Das wird wohl der Knackpunkt sein - wie kann man das lernen, es zu unterscheiden, ob man gerade nur was schlecht interpretiert oder ob einem wirklich was Negatives widerfahren ist. Und ob man mitschuld dran ist und es beim nächsten Mal vermeiden könnte.

Wenn man mal davon ausgeht, dass es keine richtigen und falschen Gefühle gibt sowie sich auch nicht per se sagen lässt, was "negativ" ist (Schmerz z.B. kann negativ wahrgenommen werden, sadomachistisch veranlagte Personen empfinden Schmerz sexuell erregend, Borderliner bei Selbstverletzung als Möglichkeit, Überspanntheit bzw. Übererregtheit abzulassen usw.) also alle Gefühle und Gedanken immer auch Interpretationen darstellen (denn wie anders soll man Interpretation auch sonst definieren) dann erübrigt sich doch die Gegenüberstellung von interpretierten Gefühlen und wirklich Negativem.
Es gibt Angst oder andere Erwartungshaltungen, die auf zu wenige im "Außen" verankerte tatsächliche Vorfälle oder Indizien beruhen, aber das "Drinnen", in meinem Kopf ist schon extrem, wenn nicht ganz und gar von mir und meiner Interpretation abhängig (gekoppelt an Erfahrung, Reflexions- und Kombinations"verhalten" und - evt. hormonellen ? - biologischen körpereigenen Mechanismen.) jedenfalls von mir als "Interpretator". Drum sind wir doch auch alle so verschieden und die Pippi baut sich die Welt, wie sie ihr gefällt.

Wenn also a (siehe oben), dann wird für mich b irgendwie klarer:

"Aus meiner Sicht entziehen sich Emotionen einer direkten willentlichen Lenkung. Man kann aber lernen, mit Emotionen umzugehen und damit indirekt einwirken." (Florentina, oben)

Denn es ist extrem schwer, letztgültige Aussagen über eigene Erwartungshaltungen zu treffen, d.h. bevor ich weiß, wie die Dinge tatsächlich laufen. Oder konkreter: Sich selbst klar zu machen, dass man sich z.B. oft schnell zu viele Sorgen macht, ist leicht, aber festzulegen, dass es auch dieses Mal so ist, wo man doch noch gar nicht weiß, ob tatsächlich usw., das ist extrem schwer, unmöglich: Man kann sich nicht alleine am Schopf aus dem Sumpf ziehen.
 
  • #24
dann erübrigt sich doch die Gegenüberstellung von interpretierten Gefühlen und wirklich Negativem.
Das stimmt, denn das Gefühl ist ja, wie auch immer es ausgelöst wurde.
Sich selbst klar zu machen, dass man sich z.B. oft schnell zu viele Sorgen macht, ist leicht, aber festzulegen, dass es auch dieses Mal so ist, wo man doch noch gar nicht weiß, ob tatsächlich usw., das ist extrem schwer, unmöglich:
Mein Umgang damit war, mir die Fälle der Vergangenheit anzusehen und zu erkennen, dass ich viel Zeit mit Sorgen verbracht hatte, die gar nichts genutzt hatten. Also Ungewissheit aushalten, das war zu lernen, wenn ich meine Zeit besser nutzen wollte.

Es ist nun ein Unterschied, ob man sich Sorgen macht um einen anderen oder einfach nur, ob irgendwas Eigenes gut ausgeht. Im letzten Fall finde ich es viel einfacher, mit dem Sorgenmachen aufzuhören und sich als Notlösung klarzumachen, was so schlimm daran wäre, wenn es nicht klappt. Das jetzt nicht bei Krankheiten, aber bei anderem, wo man dann eben mit dem Verzicht leben muss und das auch geht.
Die Sorgen können auch davon kommen, dass man die Sache unter Kontrolle kriegen will. Hier wäre Gelassenheit die Lösung. Habe ich mich sehr drum bemüht eine lange Zeit.
Ich fühle mich auch sicherer, wenn ich alle mir einfallenden Möglichkeiten eines Ausgangs einer Sache durchspiele. Spontane gute Reaktion aus dem Bauch raus sind, glaube ich, eher nicht so mein Ding. Also im Fall der Fälle schon mal drüber nachgedacht zu haben, was alles passieren kann und wie ich damit umgehen könnte, ist besser. Mir fällt aber gerade nichts ein, wo das mal ein Erfolgserlebnis brachte. Es kam immer anders oder lief reibungslos.
 
Top