Moralvorstellungen? Könnt ihr manchmal über euren Schatten springen?

Wie sehen eure Moralvorstellungen aus und wie sehr prägen sie euer Leben? Ist es wirklich so erstrebenswert, sich streng nach gesellschaftlichen Regeln und einem möglicherweise bereits überkommenen Moralkodex zu halten? Ist nicht vieles, was gestern noch verwerflich war, heute völlig legitim? Wie sieht das wahre, pralle Leben wirklich aus?
 
Die Frage wurde in der Rubrik Sexualität gestellt, daher gehe ich davon aus, dass die Fragestellerin hier bewusst auf Sexualmoral anspielt, nicht auf andere Facetten der Moral.

Moral ist heutzutage ein schwieriges Thema, weil sich jeder herausnimmt, seine eigene Moral zu haben, sich seine Moral frei auszusuchen. In gewissem Rahmen ist das ja sogar eine gute Entwicklung, denn auch ich kann mich nicht mit obsoleten religiösen Vorstellungen anfreunden und viele Moralvorstellungen passen einfach nicht zu unserer Zeit.

Moral soll in erster Linie das Miteinander regulieren und der Gesellschaft eine Ordnung geben, die durch Erziehung und Lebensweise als gewollt, gefühlt, richtig und gut wahrgenommen wird, anstatt nur durch Gesetze erzwungen zu sein. Einige moralische Werte mögen austauschbar sein, nach dem Motto "Hauptsache irgendeine gemeinsame Ordnung", aber die überwiegende Zahl der moralischen Richtlinien sind durchweg zeit- und kulturunabhängig und haben offensichtlich evolutive, biologische Grundlagen, denn sie korrelieren eng mit natürlichen, unvermeidbaren Emotionen wie Neid, Eifersucht, Liebe, Zuneigung oder unmittelbaren Bedürfnissen wie Schutz, Versorgung, Hilfe, Gemeinschaft. Daher sind eben auch Werte wie Treue, Loyalität, Altruismus, Ehrlichkeit in fast allen Kulturen wichtige moralische Werte und Mord, Körperverletzung, Diebstahl, Fremdgehen, Ehebruch sehr tief gefühlte, abgelehnte Verhaltensweisen. Diese Aspekte der Moral sind daher eigentlich nicht durch den Zeitgeist verhandelbar.

Sexualmoral (als Teilbereich der allgemeinen Moral) folgt genau diesem Schema und stellt ein wertvolles Regulativ dar, das schon ursprünglich insbesondere drei Zwecken diente, die alle noch hochaktuell sind:
a) Eindeutigkeit der Vaterschaft;
b) Paarbindung und gemeinsame Aufzucht des Nachwuchses;
c) Vermeidung sexuell übertragbarer Krankheiten.

Die Evolution hat beim Menschen das außerordentlich komplexe Gefühl der Liebe und Zuneigung hervorgebracht, das dazu dient, Mann und Frau aneinander zu binden, so dass sie zusammen bleiben und gemeinsam für den Nachwuchs sorgen. Als Schutzmechanismus sind damit einhergehend Gefühle wie Eifersucht, das Bedürfnis nach Treue und Exklusivität entstanden. Zugleich hat die Natur dafür gesorgt, dass die Fruchtbarkeit der Frau nach außen nicht erkennbar ist, sie permanent paarungsbereit ist und beide Geschlechter am Akt auch noch großen Spaß haben. Liebe und Orgasmus sind in dieser Form eine ungeheuer weitreichende und geradezu spektakuläre evolutive Anpassung an die paarweise Fortpflanzungs- und Aufzuchtstrategie des Menschen. Die Investition des Mannes in das paarweise Aufziehen ergibt aber nur dann Sinn, wenn die Kinder auch wirklich von ihm sind und genau deswegen fördert die biologische Sexualmoral auch Treue und Exklusivität und hemmt promisken Lebenswandel und willfährige Sexualkontakte. Die dazu nötigen Instrumente sind eben Liebe, Eifersucht, Zugehörigkeitsgefühl.

Der für mich persönlich entscheidende Grund gegen willfährige Sexualkontakte, einschließlich aber nicht beschränkt auf Affären und ONS, ist aber der Verlust an Intimität. Für jemanden, der Sex nur in Partnerschaften hat, ist jeder neue Kontakt zunächst einmal von Aufregung, Spannung, Kribbeln geprägt; das erste Mal die Hüllen fallenlassen, das erste mal Streicheln der nackten Haut, das erste Mal die Geschlechtsteile sehen, die ersten Berührungen und ersten sexuellen Stimulationen sind ganz stark empfunden, weil eben das Öffnen gegenüber einer neuen Person eine gewisse Überwindung und eine Offenbarung der Intimsphäre erfordert. Wer aber durch ONS gewohnt ist, völlig fremden Menschen seine innerste Intimsphäre zu offenbaren, für den verliert Intimität an Wert, an Gefühl, an Intensität. Sex ist dann nicht mehr Intimität und Liebesspiel, sondern nur noch Mechanik und Libido.

Bekannt ist auch, dass Ekstase und Verschmelzung gerade für Frauen oftmals nur möglich sind, wenn sie Gefühle für den Partner empfinden. Im Parallelthread beklagt dies ja auch gerade eine Frau, die die erhoffte Befriedigung in einer oberflächlichen Sexaffäre eben wider ihres Erwarten nicht findet.

Ich glaube daher nicht, dass
+ Exklusivität und Treue in Partnerschaften
+ Verliebtheit oder Liebe als Voraussetzung für Sexualkontakte
veraltete Werte sind. Ganz im Gegenteil halte ich diese beiden Aspekte für zeitlos richtig.

<MOD: Wegen besonderer Inhaltsstärke ausnahmesweise trotz Überlänge freigeschaltet. Teilweise gekürzt. Bitte versuchen Sie sich kurzzufassen.>
 
Vielen Dank, #1
Das ist nun eine sehr weitschweifig ausgeführte Meinung.
Aber der letzte Absatz hätte eigentlich vollkommen genügt, denke ich.

Nun bin ich auf weitere Kommentare gespannt.
 
G

Gast

Gast
Zu #1. Da stimme ich voll zu. Könnte ich ausdrucken, unterschreiben, einrahmen, an die Wand hängen. Und, viel wichtiger, danach leben. M
 
[Mod: Abwertung anderer Beiträge unerwünscht.]

Wenn Du das „wahre, pralle“ Leben jenseits evtl. überkommener Moralvorstellungen suchst, bist Du hier eher falsch. Das hier ist die „Normalo“-Ecke.

Aber im Ernst. Es sei jedem selbst überlassen, was er für sich und seine Partnerschaft als gut und richtig erachtet. Dies sollte aber auf gegenseitigem Respekt und Einfühlungsvermögen beruhen.
Für mich persönlich ist es völlig wurscht, ob irgendetwas von jemandem mit dem ich nichts weiter zu tun habe, als das er zufällig auf dem gleichen Planeten wohnt, goutiert wird oder nicht. Hauptsache meine Partnerin kommt damit klar und ich störe oder verletze die Gefühle von anderen dabei nicht.
 
@#2: Vielen Dank für Deine Zustimmung. Ich denke, dieses wichtige, zentrale Thema für Partnerschaft und Liebe verdient einfach mal eine ausnahmsweise lange Darstellung -- schließlich sind es viele Facetten, die man berücksichtigen muss.

@#3: Danke.
 
@#4: Ja, ich sehe es durchaus positiv, dass hier die "Normalo- Ecke" ist!

Frederikas Ausführungen sind auch genau das, was ich mir für mein Leben wünschte. - Und ich hatte das Glück, im Großen und Ganzen danach leben zu können.
Mit steigendem Lebensalter werde ich jedoch nachsichtiger bei der Bewertung anderer Moralvorstellungen.Längst nicht alles,was ich früher als moralisch verwerflich gehalten habe, verurteile ich heute. Wir Menschen sind wohl so gemacht, dass wir nicht immer unseren Kopf eingeschaltet haben.

Wer von uns hat denn nicht schon mal seine Moralvorstellungen über Bord geworfen?
Hmm... ich grüble gerade...
 
Meiner Meinung nach, hat Frederika das Wesentliche sehr gut zusammen gefasst.

Ich denke, man kann diese Frage nicht nur so verallgemeinernd stellen. Da wird es schwer, sich zu positionieren. Moral ist für mich kein Begriff an sich, sondern ein Oberbegriff, mit ganz vielen Unterpunkten, die ja nicht noch gesondert genannt werden müssen.

Die moralische Erziehung beginnt mit der Geburt, natürlich geprägt von den Eltern und später noch vom gesamten sozialen Umfeld.

Je älter und erwachsener wir werden, entwickeln wir natürlich eine eigene Moralvorstellung zu bestimmten Punkten. Andere akzeptieren/übernehmen wir.

Für mich ist es vollkommen in Ordnung, wenn jemand eine andere Moralvorstellung/-einstellung zu bestimmten Dingen hat, als ich selbst.

Meine Probleme beginnen dort, wo man mir eine andere Einstellung aufdrängen will oder/und meine eigene abwertet bzw. nicht respektiert.

Nur ein Beispiel:
Obwohl ich ONS absolut ablehne, habe ich kein Problem damit, wenn andere das gut finden und danach leben. Es geht mich einfach nichts an! Dann, bitte, soll man mich aber auch mit Äußerungen, das wäre nicht zeitgemäß und überholt etc. in Ruhe lassen.

Diese meine Einstellung, gilt für alles, was wir so gerne in den Mantel der Moral hüllen. – Und sie endet dort, wo gegen geltende Gesetze gehandelt wird (egal, ob dieses Gesetz (noch) sinnvoll ist oder nicht.

Es ist nun einmal auch eine Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft nicht ohne gewisse Regeln (und auch ein paar ungeschriebenen Gesetze = u.a. Moral) auskommen, damit ein Zusammenleben funktioniert. – Wer das anders wünscht, muss aussteigen und Einsiedler werden.

Noch zur Frage: Nein, im Rahmen meiner festen Moralvorstellungen, springe ich nie über meinen Schatten, da es da keinen gibt. Das heißt nicht, dass es in meinem Leben keine Veränderungen zu bestimmten Einstellungen gegeben hat. – Ich kann auch mit meinen eigenen Moralvorstellungen davon abweichende akzeptieren, ohne dass sie für mich eine Relevanz haben (müssen).

Der Begriff Moral wird meiner Meinung nach auch viel zu inflationär eingesetzt. Dabei verfehlt er m. E. immer mehr seine Bedeutung und Wirkung in Bezug auf das, was man früher einmal Werte nannte. Aber das ist ein anderes Thema.
 
G

Gast

Gast
Die Moderne hat viele Moralvorstellungen beseitigt.
Der Einfluss von Kirche, Gesellschaft und Familie (Großfamilie) ist mehr oder weniger nicht mehr vorhanden.
Gesellschaftliche "Leitlinien" haben nicht mehr den Einfluss wie Früher.
Das überträgt dem einzelnen Individuum sehr viel meht Verantwortung für sein eigenes Handeln.
Man muss sich Heute SELBST Grenzen setzen.
Daher ist Heute vieles verhandelbar.
Ich bin nicht sehr religiös, doch denke ich wenn man es schafft die 10 Gebote
einzuhalten, hat man schon viel getan.
 
Meine Moralvorstellungen erschöpfen sich in einem Satz:
Was du nicht willst was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Damit läßt es sich gut leben.
 
G

Gast

Gast
Viele halten die Moral hoch um bei der nächsten Gelegenheit darauf zu pfeifen. Jeder sollte so leben, dass er anderen mit seinem Verhalten nicht schadet. Für mich gelten Werte im Leben, aber ich sehe nicht alles so dogmatisch. Vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun, dass mal vieles nicht mehr so engstirnig sieht und auch mal seine Moral über Bord wirft.

Viele machen sich das Leben schwer mit ihren Moralvorstellungen, das darf man nicht, das tut man nicht, meistens sind es die, die mich im prallen Leben zu Tode langweilen.

w (45)
 
G

Gast

Gast
Wie sieht es aus in unserer Gesellschaft?

Wer handelt denn nun konsequent nach moralischen Grundsätzen?
Wer ist unmoralisch und somit verwerflich, verachtenswert?

Die vielen Männer und Frauen, die fremd gehen, weil sie in ihren Beziehungen unglücklich oder unzufrieden sind?

Die Kunden von Prostituierten?
Die vielen jungen Menschen, die sich erst orientieren müssen?
Was ist mit Analsex, der hier so oft schon diskutiert wurde.
Vor einigen Jahren war das noch außerhalb jeder Moral, genauso wie homosexuelle Beziehungen.
 
Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele sich eine Traumwelt zurecht bastelt möchten, nach der Maxime: Was nicht sein darf, kann nicht sein.
Aber die Realität sieht anders aus?

Was bitte ist NORMAL im erotischen Bereich?
Das, was vor 50 Jahren normal war?

Vor nicht all zu langer Zeit war orale Befriedigung eine Perversion, ebenso Homosexualität, von Analsex ganz zu schweigen.
Warum eigentlich ist das heute nicht mehr so?
Was wird in 20 Jahren normal und abnormal gelten?

Hier im Forum wurde das Thema "Swingerclub" schon mal diskutiert.
Leute, googelt mal und guckt, wie viele Clubs es davon gibt, wie viele Menschen offenbar dorthin gehen.
Was ist mit den Millionen Menschen, die im Net Pornoseiten anklicken?
Sind die alle pervers und abnormal?
Wohl kaum.

Früher war die Kirche, die sich selbst übrigens NIE an ihre Moralgebote hielt, für die Einhaltung der Sexualmoral zuständig.
Die wusste schon ganz genau, wie sie permanent schlechtes Gewissen bei ihren "Schäflein" erzeugen und somit Macht ausüben konnten: Sexualität lässt sich nämlich sehr schwer auf Dauer ganz unterdrücken.

Übrigens, <MOD> ich selbst war nie in einem Swingerclub, ich habe nie promisk gelebt, bin eine Anhängerin von Dauerbeziehungen, komme aus einer glücklichen Familie (Eltern haben mit großer Liebe ihre Goldene Hochzeit gefeiert) ich demütige keine anderen Menschen und achte die Meinung anderer ... urteile allerdings auch nicht ganz so vorschnell, wenn ich die Hintergründe nicht kenne.
 
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Gast

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Ich halte mich solange an einen Moralkodex solange er für mich und den Beteiligten den nötigen Sicherheitsrahmen darstellt. Im sexuellen Bereich bedeutet das: Einvernehmlichkeit und eine übereinstimmende, gleichwertige Risikobereitschaft. Solange wir beide (oder auch mehr) nur tun was allen Beteiligten gefällt und wir uns den Risiken die damit verbunden sind bewusst sind und uns dennoch frei dafür entschieden haben unterwerfe ich mich keinem fremden Moralvorstellungen. Das Argument "das tut man einfach nicht" ist für mich kein Grund.
 
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Gast

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Ich musste die Erfahrung machen, dass viele die von Moral reden, selbst nicht danach leben und teilweise hinterher für ihr Verhalten auch noch irgendeine fadenscheinige Erklärung parat haben.

Ich für meinen Teil habe meine eigene Vorstellung von Moral, die #9 auf den Punkt gebracht hat.

Davon jedoch mal abgesehen kann Moral je nach Blickwinkel unterschiedlich aussehen, deshalb versuche ich den anderen zu verstehen anstelle ihn zu verurteilen. Und eine Beziehung die kaputt ist, kann auch die Moral nicht retten. Ebenso lächerlich finde ich den Versuch mit Hilfe von Moral Treue erzwingen zu wollen. w
 
G

Gast

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Richtig, #15, erzwingen kann man sich nichts. Und man verbaut sich oft durch rigide Einschätzung die wahrhaftigsten Momente - zumindest habe ich selbst das erfahren
 
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