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Apollo

  • #1

Streit ist in einer guten Partnerschaft unvermeidbar ...

und oft vielleicht/sogar nötig. Aber wo sind die Grenzen für Euch in der verbalen Auseinandersetzung mit Eurem Freund/Eurer Freundin? Welche Grenzen setzt ihr euch selbst? Was seid ihr bereit zu dulden oder zu erdulden?
 
  • #2
Sehr gutes Thema, Apollo!

Streit ist wohl unvermeidbar, aber es ist IMHO auf keinen Fall in dem Sinne nötig, dass eine Beziehung etwa ohne Streit nicht funktionieren würde. Ich würde sogar sagen, ohne Streit verläuft eine Beziehung optimal, wenn keiner der beiden durch Unterdrückung von Unmut Qualen verspürt. Idealerweise ist man dann immer einer Meinung. Bzw. wenn man es mal nicht ist, gibt einer der beiden nach, und es tut ihm kein bisschen weh. Für mich wäre das ein (theoretischer) Optimalzustand.

Die Praxis sieht natürlich anders aus. Verbale Auseinandersetzungen dürfen von mir aus gerne engagiert und deutlich verlaufen. Meinetwegen auch mit erhobener Stimme aber niemals schreiend, panisch und verletzend. Sonst besteht die Gefahr, dass die spätere Versöhnung ein Lippenbekenntnis bleibt.
 
  • #3
Streit ist unvermeidbar -- immer die gleiche Meinung zu haben, ist illusorisch und es gibt eben Themen, wo die Gefühle so involviert sind, dass man nicht alles so vernünftig und ruhig bespricht, wie es vielleicht wünschenswert wäre.

Wenn jemand sich nie ärgert, nie wütend wird, nie verzweifelt, dann stimmt mit ihm auch was nicht. Gefühle gehören dazu und sie müssen eben auch rausgelassen werden. Aufgestaute oder gar runtergeschluckte Emotionen sind meines Erachtens ganz schlecht, und zwar sowohl für die Beziehung als auch für die Gesundheit und psychische Ausgeglichenheit der Person selber.

Also: Gefühle rauslassen und streiten ist OK.

Die Grenze sehe ich darin, dass man den anderen nicht wirklich verbal verletzen darf, nicht weit unter Gürtellinie ansetzen darf, sondern selbst wenn es mal unsachlich wird, Respekt und Achtung erhalten bleiben. Na ja, und körperliche Gewalt ist absolut Tabu, und dazu gehört für mich auch schon das Beschädigen von Gegenständen oder das Werfen mit sonstwas. Wer sich so wenig selbst unter Kontrolle hat, mit dem kann ich keine Partnerschaft führen.
 
  • #4
@Frederika: Gefühle müssen rausgelassen werden ... kommt drauf an wie. Man kann auch auf die Laufbahn gehen und 6 x 1000 machen. Meistens kommt ne neue Bestzeit auf 1000 bei raus. ;) Oder ein Muskelfaserriss.

Ich hatte bislang (Gott sei Dank) noch keine allzu cholerischen Freundinnen. Intuitiv würde ich aber vermuten, dass mit steigender Intensität (du sprichst von Wutausbrüchen) auch die Frequenz steigt, weil vorherige Streitigkeiten noch nicht ganz verarbeitet wurden. Wie sind da deine Erfahrungen?

Während ich vor hoher Intensität weniger Angst habe, hätte ich sie vor hoher Frequenz schon. Das deutet dann darauf hin, dass entweder vieles nicht passt oder etwas, das so zentral ist, dass es sich in vielen Lebenssituationen auswirkt.
 
  • #5
@#3: Thomas, mir ist das noch nie gelungen, meine Gefühle beim Sport abzubauen. Klar, man ist hinterher erst einmal körperlich fertig, aber wenn ich mich wirklich über etwas ärgere, dann muss ich das meinem Partner sagen -- erstens weil es mir gut tut und zweitens weil er ja auch wissen muss, was mir nicht gefällt. Und zwar eben nicht nur nicht gefällt, sondern gegebenenfalls zutiefst ankotzt. ;-)

Ich würde nicht sagen, dass ich cholerisch oder besonders laut beim Streiten bin -- obwohl es schon immer dann besonders gefährlich wird, wenn ich besonders leise und ruhig werde -- gar kein gutes Zeichen... :) Ich sprach übrigens nicht von "Wutausbrüchen" (das klingt so Kleinkind oder unkontrolliertem Zustand), sondern ich sprach von "wütend". Das wird doch jeder Mal, oder?

Für mich ist wichtig, dass die Angelegenheit geklärt wird -- und eben keine unverarbeiteten, schwelenden Konflikte zurückleiben. Das ist ganz schlecht, auch mit Kollegen schon unerträglich. Lieber ein ordentliches Gewitter, als wochenlange trübe Stimmung. Meistens ist ein klärender Streit doch wirklich hilfreich. Ich hasse es, wenn Leute nicht sagen, was sie meinen, oder wenn ihnen etwas nicht paßt. So etwas staut sich schlechtestenfalls zu einer "was ich immer schon mal sagen wollte"-Abechnung auf -- völlig falscher Ansatz, wenn man etwas wirklich bereinigen und klären möchte.

Je höher die Kommunikationsfähigkeit und Reife der Partner ist, desto einfacher kann man Konflikte auch ohne Streit oder mit wenig Streit lösen. Das ist natürlich die konstruktivste Art. Aber dazu gehört auch, dass man seine Fehler zugeben kann, dies auch verbalisieren kann, in der Lage ist, sich sinnvoll zu entschuldigen und letztlich natürlich Kompromisse zu finden oder Besserung zu geloben.

Ständige Streitereien in einer Beziehung sind natürlich nicht gut. Die Reibungspunkte müssen möglichst abgebaut und verarbeitet werden -- am besten durch Diskutieren, notfalls per Streiten. Aber auf keinen Fall schlucken oder verdrängen.

Wichtig ist mir zum Beispiel auch die eiserne Regel, dass abends im Bett immer wieder alles vergessen ist. Ich möchte mich immer an meinen Partner kuscheln können und wissen, dass verglichen mit Liebe und Zuneigung die Streiterein des Alltags eigentlich Nichtigkeiten waren.
 
  • #6
@#4: Sport ist auch eher eine legitime Variante des Fluchtverhaltens. Das Wichtigste daran ist der Abstand und Zeitgewinn. In zweiter Linie ist der kontrollierte und partnerschonende Abbau von Aggressionen entscheidend.

Meistens geht's ja mit einer Meinungsverschiedenheit los in einer "wichtigen" Sache los. Beide geben ihren Standpunkt nicht auf und versuchen sich gegenseitig zu widerlegen: "Letztens hast du doch noch gesagt, dass ... - warum sagst du denn dann jetzt, dass ...". Man entfernt sich vom eigentlichen Problem, kommt vom 100. ins 1000. und wird immer lauter. An dieser Stelle ist es hoffnungslos, dass einer der beiden seine Position aufgibt - zu groß wäre der Gesichtsverlust in dem Moment.

Um das Problem ohne Gesichtsverlust zu lösen, kann man jetzt z. B. durch Sport den nötigen Abstand gewinnen. Hinterher kann man dann einen Workaround vorschlagen. Eine wirkliche Einigung kommt fast nie vor, denn bei wirklich heftigen Streitigkeiten liegt meist ein Verstoß gegen tiefe innere Werte vor, die man nicht so leicht bereit ist aufzugeben.

Zum Schlucken von Problemen: Hier finde ich einen guten Kompromiss wichtig. Es darf sich nicht zu viel aufstauen, aber sofort jedes kleine Problem thematisieren, damit sich ja nix aufstaut, geht auch nicht. Ich betrachte Profile auch immer kritisch, in denen sinngemäß drinsteht: Ich sag immer frei heraus, was ich denke. Für mich hat das eher den Charakter eines Euphemismus.