• #1

Umgang des Partners mit Trauer

Mein Freund hat vor einigen Wochen jemanden verloren, der ihm sehr nahe stand. Wir sind seit fast einem Jahr zusammen, sind glücklich und ich liebe ihn sehr. Als er von dem Tod erfuhr, war ich bei ihm. Er hat auf die Nachricht äußerlich zuerst sehr gefasst reagiert, innerlich sieht das anders aus. Er tut sich sehr schwer, über Gefühle zu sprechen und ist ein Mann der Taten. Seitdem verbringen wir jede freie Minute bei den Hinterbliebenen, um sie aufzufangen, kochen Essen, lenken ab. Die Beerdigung war sehr schlimm, dies war der einzige Tag an dem er seine Gefühle auch äußerlich zuließ. Ich versuche jederzeit für ihn dazusein, ich weiß mehr kann ich nicht tun, den Verlust muss er alleine verkraften und verarbeiten. Ich verstehe, wenn er alleine sein möchte, wenn er mich bei sich haben will, bin ich da.

Jeder trauert anders, das ist mir bewusst. Allerdings - und vielleicht klingt das jetzt sehr egoistisch - stößt er mich seit 3 Wochen sehr von sich, was mir wehtut. Er macht oft gemeine Bemerkungen und Seitenhiebe in meine Richtung. Sein Ton ist sehr scharf und aggressiv, er scheint das nicht zu bemerken. Er hat sich mir gegenüber noch nie so verhalten. Ich nehme mich wirklich zurück, er und seine Familie stehen an erster Stelle, nehme ihm alles alltägliche ab, kümmere mich um alles organisatorische und gebe ihm Raum für sich. Angesprochen habe ich sein Verhalten bisher nicht, weil ich ihn nicht zusätzlich mit Beziehungskram belasten möchte, dies widerspricht aber meinem direkten Naturell. Ich verstehe, wenn er die Wut über den Tod kanalisieren muss und ich weiß, dass ihm das verbalisieren schwer fällt, nur finde ich es wirklich verletzend wie er seitdem mit mir umgeht. Kennt es jemand, dass Trauernde ihre Wut, Trauer, Aggression am nahestehenden Partner auslassen? Ich weiß nicht, wie ich ihm helfen soll und langsam weiß ich nicht mehr, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll, da er nicht kommuniziert was er braucht, Nähe, Distanz, Ruhe, Zuhören, Reden - die Antwort ist meistens: Ich weiß es selbst nicht. Ist es egoistisch von mir, so verletzt zu sein? Ist es abgebracht, sein Verhalten anzusprechen? Was kann ich sonst noch für ihn tun? Mir tut es weh, ihn so zu sehen.
 
  • #2
Liebe FS,

leider ist es so, dass eine Krise oft den wahren Kern eines Menschen zum Vorschein bringt.

Deshalb rate ich auch Menschen, die sich fest binden wollen, dies nur nach einer "Probe" zu tun: Eine Reise auf eigene Faust, bei der einiges schief gehen kann, eine Auto-Panne mitten in der Nacht, eine sonstige Grenz-Situation. Wie reagiert der zukünftige Partner? Bleibt er trotz Stress gelassen, verhält er sich konstruktiv? Oder verteilt er Schuldzuweisungen, wird bissig und ungerecht?

Liebe FS, lass Dich nicht beleidigen. Dein Partner zeigt, was in ihm steckt, sei froh darüber. Ansonsten hättest Du es vielleicht nach schlaflosen Nächten mit eurem ersten Kind entdeckt, wenn er Dich beschimpft und mit dem Kind alleine gelassen hätte.

Mach keinen neuen Anlauf, wenn es ihm besser geht, auch wenn er dann wieder Charme verbreitet. Stressige Zeiten gibt es im Leben immer wieder und Du weißt nun, was Dich erwarten würde. Wenn Du das nicht willst, musst Du Dich trennen.
 
  • #3
Hallo NiaMila,
tut mir leid für Euch, dass Ihr diesen Verlust erlebt.

Ich finde es gar nicht egoistisch von Dir, dass Du auch Dich selbst wahrnimmst (und ernstnimmst). Dass Wut und Aggression sich - vielleicht unbewusst, wie Du schreibst - ihren Weg bahnen... ja, das kommt vor. Nur ist es in meiner Wahrnehmung wichtig, sich hier auch klar selbst zu schützen.

Wäre ich "in Deinen Schuhen", würde ich als Ich-Botschaft sagen, was dieses Verhalten und die Unsicherheit/Ungewissheit bei mir auslösen. Denn wenn zwei Menschen über ihre aktuelle Situation schweigen, wächst die Gefahr, dass ein weiterer Verlust zu dem Geschehenen dazukommt. Und wenn es "nur" der Verlust des Respekts und der Achtung vor dem jeweils anderen ist. Das kann auch langfristige Folgen zeitigen, die destruktiv sind. Wie gesagt, meine Wahrnehmung.

Alles Liebe
A
 
  • #4
Trauer ist kein Grund, agressiv gegen den Partner zu werden. Selbst wenn er Agression über den Verlust zu verarbeiten hat, und das wäre ja in Ordnung, gibt es keine Entschuldigung, dass er das an dir ausläßt. Dein Instinkt ist schon richtig. Pass ganz gut auf dich auf und schütze dich vor Übergriffen. Du hast ihn jetzt gesehen, wie er ist, wenn er in einer Krisensituation ist, offenbar hat er das Muster, anderen die Schuld zu geben. Keine gute Voraussetzung für ein ganzes Leben gemeinsam.
 
  • #5
Liebe FS,

leider ist es so, dass eine Krise oft den wahren Kern eines Menschen zum Vorschein bringt.

Deshalb rate ich auch Menschen, die sich fest binden wollen, dies nur nach einer "Probe" zu tun: Eine Reise auf eigene Faust, bei der einiges schief gehen kann, eine Auto-Panne mitten in der Nacht, eine sonstige Grenz-Situation. Wie reagiert der zukünftige Partner? Bleibt er trotz Stress gelassen, verhält er sich konstruktiv? Oder verteilt er Schuldzuweisungen, wird bissig und ungerecht?

Liebe FS, lass Dich nicht beleidigen. Dein Partner zeigt, was in ihm steckt, sei froh darüber. Ansonsten hättest Du es vielleicht nach schlaflosen Nächten mit eurem ersten Kind entdeckt, wenn er Dich beschimpft und mit dem Kind alleine gelassen hätte.

Mach keinen neuen Anlauf, wenn es ihm besser geht, auch wenn er dann wieder Charme verbreitet. Stressige Zeiten gibt es im Leben immer wieder und Du weißt nun, was Dich erwarten würde. Wenn Du das nicht willst, musst Du Dich trennen.

Chapeau!

Liebe FS,

vor kurzem ist in und aus meiner unmittelbaren Verwandschaft ein 18-Jähriger tödlich verunglückt. Es gibt keinen Trost. Die Trauer ist (über)mächtig. Die Seele weint. Ich merke, dass ich zu wenig Zeit habe meinen Lieben beizustehen, tue es so gut wie es geht, und selbst zu begreifen, aber ich würde dies nie an (m)einer Partnerin auslassen.

Bei dem Prozess des Trauerns und Verarbeitens kann schon mal das eine oder andere "schief" laufen, aber eine Partnerin hat den gleichen Respekt und die gleiche Achtung verdient, wie in meinem Fall der Junge und seine Eltern sowie Geschwister. Im Gegenteil: Sie vermittelt Beständigkeit, Nähe und Halt.

Es ist gut, dass Du ihm bestehst, vermittle ihm trotzdem, dass er Dich so nicht behandeln darf:

Wäre ich "in Deinen Schuhen", würde ich als Ich-Botschaft sagen, was dieses Verhalten und die Unsicherheit/Ungewissheit bei mir auslösen. Denn wenn zwei Menschen über ihre aktuelle Situation schweigen, wächst die Gefahr, dass ein weiterer Verlust zu dem Geschehenen dazukommt. Und wenn es "nur" der Verlust des Respekts und der Achtung vor dem jeweils anderen ist. Das kann auch langfristige Folgen zeitigen, die destruktiv sind. Wie gesagt, meine Wahrnehmung.
 
  • #6
Ich kenne das sehr gut.. daher mein Rat:
Nimm ihm das alltägliche NICHT mehr ab, denn genau das braucht es um nach so einem Todesfall wieder in geordnete Bahnen zu finden. 3 Wochen sind mehr als genug zu seiner Entlastung gewesen.
Und zieh dich zurück, wenn er gemein und unfair ist. Auch ein emotionaler Ausnahmezustand rechtfertigt es nicht, seine Wut und Trauer an jemand anderem auszulassen den man eigentlich liebt. Du bist nicht sein Ventil, okay?
Du hast genug getan, den Rest muss er allein schaffen.
 
  • #7
Ich finde, du verhälst dich absolut vorbildlich und nein, es ist überhaupt nicht egoistisch, sein Verhalten dir gegenüber anzusprechen und dich schlecht behandelt zu fühlen. Er behandelt dich schlecht und das ist nicht in Ordnung.

leider ist es so, dass eine Krise oft den wahren Kern eines Menschen zum Vorschein bringt.

Wie wahr! Niemals sonst, wirst du das ehrlichere Gesicht eines Menschen zu sehen bekommen.
Im ersten Moment, scheint das Negative sehr verstörend - aber ich persönlich finde auch, man kann dankbar dafür sein, das wahre Gesicht des Gegenübers gesehen zu haben.

Verliere nie den Selbstwert.
 
  • #8
Ich finde es das normalste von der Welt, dass du ihn auf sein Verhalten, gerade in dem Moment wenn es Auftritt, sehr verständnisvoll ansprichst. Deutlich machst, dass dich seine Aussagen verletzten. Denn genau wie du schon geschrieben hast, er merkt vermutlich nicht, wie er mit dir umgeht und ich sehe das auch nicht als mit Beziehungskram belasten. Es geht nur darum ihn in seinem Verhalten zu dir zu spiegeln und dann siehst du seine Reaktion und sein weiteres Verhalten. Auch alles von ihm fern zu halten, halte ich für einen Fehler. Natürlich ist man rücksichtsvoll aber das Leben geht auch weiter und er ist alt genug zu kommunizieren wann und wo er sich Unterstützung wünscht. Es ist ja auch wichtig das du weiterhin seine Partnerin bleibst und nicht zu seiner Mutter mutierst
 
  • #9
Bis jetzt ( Post #7) ist schon fast alles, was ich sagen wollte, gesagt worden.
Aber eins noch:
Ich würde mich zurückziehen. Nicht mehr zu der Familie mitgehen und ihn auch sonst nicht begleiten.
Aber ich würde ihm das in aller Ruhe und Freundlichkeit ankündigen und dazu unbedingt sagen, dass er dich jederzeit ansprechen, treffen und um Hilfe bitten kann und du dann für ihn da sein wirst.
Und dann wirklich warten, ob er das annimmt und wie er diese Bitte vorträgt.

Es könnte nämlich evtl. auch sein, dass du zuviel tust und er sich belästigt fühlt.
. Ich verstehe, wenn er alleine sein möchte, wenn er mich bei sich haben will, bin ich da.
Bist du da sicher ?
Oder muss er das ganz deutlich sagen und hat es vorher durch eine ruppige Art zu sagen versucht ?
langsam weiß ich nicht mehr, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll, da er nicht kommuniziert was er braucht, Nähe, Distanz, Ruhe, Zuhören, Reden - die Antwort ist meistens: Ich weiß es selbst nicht.
Sei mir nicht böse, aber klingt schon ein bißchen nach beharrlichem Nachhaken, oder ?

Versuch's doch einfach mal.
Laß ihn ein bißchen allein.
Ich will auch allein sein, wenn es mir nicht gut geht.

w 48
 
  • #10
Der Zeitraum ist natürlich noch etwas kurz, aber verstärkte Aggressivität ist auch ein bekanntest Zeichen von Männer-Depression und Trauer ist da ein bekannter Auslöser. Sollte es jedenfalls länger dauern, wäre das vielleicht eine Erklärung.
Dafür sprechen würde es auch, wenn Deine Ich-Botschaften bei ihm gar nicht mehr ankommen...
 
  • #11
Ich würde ihn in Ruhe lassen und ihm auch nichts abnehmen u. dgl.

Ich spreche aus Erfahrung. Mein Mann und ich hatten unterschiedliche Vorgehensweisen, wie mir mit dem Tod unseres Kindes umgegangen sind: er hat sich in die Arbeit gestürzt und mich wirklich völlig allein mit meinen Kindern gelassen, d.h. er hat schon noch zuhause gewohnt, aber wie besessen Karriere gemacht. Man kann nicht nach ein paar Wochen zum Alltag übergehen, je nachdem, wieviel der Verstorbene bedeutet hatte. Ich bin z.B. nach einem halben Jahr in ein "Loch" gefallen und mir ging es erst besser, als ein Jahr herum war. Manche Leute haben mich in dieser Zeit mit ihren Vorhaben auch genervt. Bestimmt war es gut gemeint, mit mir shoppen zu gehen (um mich auf andere Gedanken zu bringen), aber ich wollte kein Kleid, ich wollte mein Kind zurück oder aber einfach etwas ganz normales tun, wie Spazieren gehen. Wichtig ist, dass wieder ein Rhythmus reinkommt.
Darüber reden, dieser Wunsch kommt alleine vom Trauernden. Ja, ich bin innerlich bei manchen Leuten sehr aggressiv geworden, da sie meine Toleranzgrenze überschritten haben. Ob ich das nach aussen gezeigt habe? Ich verberge so etwas, denke ich.

Ja, lass ihm ein bisschen Raum für seine Trauer.
 
G

Ga_ui

Gast
  • #12
Trauer ist etwas sehr Persönliches. Warum verlangst du, dass er darüber reden soll?

Man hilft den Menschen mehr, wenn man ihnen keine Hilfe anbietet zu Dingen, die sie selber regeln können/wollen.

Du als Partnerin kannst dich in Verständnis, Geduld und Rückzug üben.
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
  • #13
Vielen Dank für Eure wertvollen Beiträge. Ein Stückweit hat mich das weitergebracht und ich habe offen mit ihm gesprochen. Er hat sein 'ekelhaftes' Verhalten nicht wirklich realisiert und das glaube ich ihm auch. Er hat sich aufrichtig dafür entschuldigt. Ich hab ihm Raum gelassen, habe mich zurückgenommen und nehme ihn nichts mehr ab. Mein Angebot jederzeit da zu sein, wenn er das möchte, hat er dann in Anspruch genommen, ich habe ihn von sich aus kommen lassen. Er muss wieder zurück finden, hier war ich zu überbesorgt, danke auch für Eure Hinweise. Manchmal steckt man so tief in der Sache und fühlt so sehr mit, das man selbst nicht mehr klar sieht. Er meinte, er wollte mich nie von sich stoßen, er wusste selbst nicht was er möchte. Ich akzeptiere das, mittlerweile kann er mit mir aber auch über seinen Verlust sprechen und wir sind durch das offene Gespräch wieder auf einem gemeinsamen Nenner.

Viele Grüße an Euch und Danke.
 
  • #14
Trauer ist kein Grund, agressiv gegen den Partner zu werden. Selbst wenn er Agression über den Verlust zu verarbeiten hat, und das wäre ja in Ordnung, gibt es keine Entschuldigung, dass er das an dir ausläßt. Dein Instinkt ist schon richtig. Pass ganz gut auf dich auf und schütze dich vor Übergriffen. Du hast ihn jetzt gesehen, wie er ist, wenn er in einer Krisensituation ist, offenbar hat er das Muster, anderen die Schuld zu geben. Keine gute Voraussetzung für ein ganzes Leben gemeinsam.

Das ist richtig. Welchen Verlust der Freund der FS auch erlitten hat, sie schrieb ja nicht, um welche Person er trauern musste, so sollte er eher dankbar sein, wenn seine Partnerin ihm das Gefühl gibt Verständnis zu haben und ihn trösten oder ihm helfen will, statt seine Aggressionen an ihr auszulassen, egal woher sie kommen mögen. Wie kann man mit einem Mann zusammen sein wollen, der einen wie ein Fußabtreter behandelt?
 
N

nachdenkliche

Gast
  • #15
Ich würde mir mit einem solchen Partner auch Gedanken machen, wie er mit mir umgehen würde, wäre ich in einer solchen Situation.
Ich selber wäre froh, einen solchen Menschen zu haben, der mich auffängt und mich hält.
Aber okay, jeder trauert anders. Aggressionen wären allerdings das letzte, was mir in den Sinn käme, wenn mir mein Partner beistehen wollte.
 

Laleila

Cilia
  • #16

Liebe NiaMila, schön zu lesen, dass ihr Euch wieder näher seid.
Diese Aggression nach außen, nach einem Verlust eines wichtigen Menschen ist gar nicht so selten.
Liebende Partner können dann, in ihrem Bemühen beizustehen als zusätzliche Last wahrgenommen werden. Das betrifft vor allem Fragen wie:
Kann ich etwas für Dich tun? Was soll ich für Dich tun? Soll ich (dies oder jenes tun)?

Häufig befinden sich Menschen nach solch einem Verlust völlig hilf-und orientierungslos. Und dann ist da auch noch jemand der erwartet dass man Entscheidungen trifft. Dabei ist man unfähig diese gerade zu treffen. Ergebnis: komplette emotionale Überforderung nicht selten gepaart mit Schuldgefühlen. Das kann zu aggressiven Abwehrverhalten führen.

In dem Fall ist es am hilfreichsten nur die allerwichtigsten Entscheidungen (Überführung des Verstorbenen zum Bestattet oder Zeit zur Abschiednahme zu Haus) anzusprechen, falls erforderlich.

Alles andere hat Zeit bis der erste Schock überwunden ist!
Heisst: Alltagshilfe geben wie Bekannte und Verwandte des Verstorbenen informieren, Haushalt pflegen, dafür sorgen, dass Nahrung vorhanden ist, abrufbereit sein.
Das ganze ohne zu fragen, ohne unangeforderte körperliche Nähe. Still wie ein Heinzelmännchen, Gedanken lesend, lieber weniger als mehr.

Der Betroffene wird irgendwann von selbst kommen, manchmal zaghaft, ab und an mit plötzlichen überstanden Tatendrang.

Und nie vergessen, jeder trauert anders.
 
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