• #31
@30 Ja, Du sprichst mir aus dem Herzen.

Ich gehe inzwischen davon aus, dass der Liebeskummer auch eine "kleine Depression" ist, die jeder durchmacht, der wirklich liebte und seine Liebe verliert. Aber das scheint mir ein "alltäglicher" Vorgang für jeden verträgliches Leiden zu sein. Ich war selbst nie betroffen, aber wenn ich mir vorstelle, dass dies wirklich länger anhält, dann würde ich es vielleicht auch als "innere Hölle" bezeichnen und diesen Begriff auch dafür "reservieren" und den Liebskummer etwas im Vergleich dazu herunterstufen. O.k., Du hast etwas ganz anderes gemeint.

Ich bin überzeugt, dass in JEDER "normalen" Beziehung es beide am Anfang gut gemeint haben, aber das irgendetwas nicht zusammen passte, wenn es auseinander geht. Und das das Problem seltenst nur auf einer Seite liegt. Ich nenne oft das vereinfachende Beispiel: zwei Geizige passen zusammen, zwei Größzügige auch, aber die Mischung kann explosiv sein, aber welche Seite soll dann Schuld sein? Eine solche Diskussion ist unsinnig. Auch die Gerichte haben sich der Schuldfrage entledigt bei Scheidungen, weil sie von außen mit neutraler Sicht unlösbar ist. Denn selbst ein Betrüger kann oft zu seiner Verteidigung gute Argumente hervorbringen! Wer meint, es liegt allein beim Anderen, der ist meinen Augen in diesem Aspekt unreif, aber ich schätze, dass es eher normal ist, die Schuld nur beim Anderen zu suchen.

Ich könnte hier jetzt seitenweise schreiben und haarklein auseinander nehmen, was ich denke, warum Beziehungen Probleme entwickeln (Familienkulturen, angeblich objektive Weltsichten, negative Interpretationen, Unterstellungen, Vorurteile, Vorwürfe etc.) und wie ich glaube, dass man ihnen beikommen kann (Andersartigkeit annehmen, Vorurteilslosigkeit, fremde Welt verstehen wollen, offen und ehrlich sein, Empathie, Ernst nehmen, und ganz zum Schluss GFK), aber das lass ich hier mal sein. ;-)

Für mich liegt das Problem nicht in der generellen Einsicht und auch nicht in der selbstkritischen Haltung. Letzteres ist für mich wahrlich nicht schmerzhaft und auch KEINE innere Hölle. Ich habe kein Problem mit der selbstkritischen Sicht/Betrachtungsweise meiner selbst. Es gab Momente, da hat mich die Erkenntnis wie ein Schlag getroffen, es schmerzte, ich heulte, aber ich empfand es nicht als Hölle, sondern eher als schmerzvolle Erlösung: im Sinne von "endlich habe ich auch dies verstanden und kann mich daran machen, daran zu arbeiten". Inzwischen ist es sehr oft so, dass mich meine eigene Erkenntnis über offensichtliche Zusammenhänge sehr stark selbst rührt/berührt, ebenso, wenn ich es bei Anderen sehe.

In meiner Ehe habe ich verschiedenste Dinge versucht, um die Probleme zu bewältigen. Ein richtiger Schritt war die Empfehlung eines leiderprobten Kollegen mich mit den Unterschiedlichkeiten zwischen Männern und Frauen zu beschäftigen (über Literatur). Habe mich in vielem daraus wiedererkennt, gelernt, verstanden und ohne Schwierigkeit umgestellt. (GUTE Literatur kann in vielen persönlichen Problemen so hilfreich sein und nur wenige nutzen dies.)

Allein hätte ich das aber nicht geschafft/wäre ich nicht auf das Verständnis gekommen, denn für mich gibt es nur ein Problem, dass alle haben, auch diejenigen, die dieselbe Einstellung haben wie wir: sich selbst sehen/wahrnehmen und richtig beurteilen zu können. Ich sehe eher das Problem, dass man sich einfach nicht selbst sehen kann, besonders in den kritischen Situationen. Der Schritt vom Problem zur Lösung geht nur über das Verständnis dazwischenliegend. Dazu ist eben auch das Feedback des Anderen erforderlich.

Und genau das läuft/lief in der Regel falsch, insbesondere, wenn die Beziehung kaputt geht/gegangen ist. Es gehört für mich zu einer guten Partnerschaft, dass der andere einem genau dabei behilflich ist. Verständnis für das Unverständnis und die blinden Flecken des Selbstbilds hat und eben empathisch, verständnisvoll und einfühlsam vermittelt, was das Problem aus seiner Sicht ist.

Ich selbst habe inzwischen verschiedene falsche Strategien kennengelernt/erfahren: Vorwürfe (Fehler nur bei anderen sehen), Unzufriedenheitsausbrüche (Ursache verstecken, Emotionen abladen) und Schweigen (keine Belastungen zutrauen). Ich habe inzwischen gelernt, Vorwürfe in Verständnis für mich selbst zu verwandeln, Unzufriedenheitsausbrüche in Nachfragen zu münzen, aber das Fieseste ist Schweigen, denn das kann man nicht bemerken. Schweigen ist ein unsichtbares Atom-U-Boot.

Viel besser ist meiner Meinung nach ja eine ganz andere Kommunikationsstrategie, wie oben kurz genannt, aber das ist mir leider noch in keiner Beziehung passiert und ich kann inzwischen aus einer Erfahrung sagen, dass es leider nicht reicht, dass ich das allein mit in die Beziehung einbringe, ganz abgesehen davon, dass ich auch ein unperfekter Mensch mit Emotionen bin. Ich kann Kritik annehmen und behalte mir vor, was ich davon tatsächlich bei mir sehe und auch, wo ich anteile beim Anderen sehe. Ich frage auch aktiv nach Kritik und wünsche mir dabei natürlich eine einfühlsame Form, aber kann seit GFK inzwischen auch aggressive Formen verkraften und verarbeiten.

Ich weiß für mich, dass es absolut richtig war, was ich in meiner Ehe umgestellt habe und das wird auch nie wieder schief gehen, nur genutzt hat es in der Ehe nicht mehr. Denn das habe ich auch ganz klar gelernt, es gehören zwei dazu! Man kann das Problem eben auch nicht einfach einseitig nur bei sich lösen! Das ist die Kehrseite der Einsicht, dass man nicht ganz unschuldig ist. Der andere ist auch nicht unschuldig und es geht genausowenig einseitig bei mir, wie nur beim Anderen!

Das Problem ist für beide Seiten dasselbe, aber es sieht für jeden anders aus. Aus diesem Grunde sage ich ebenfalls immer wieder: deswegen muss jeder seine Sicht in aller Ruhe "auf den Tisch legen" können. Jeder muss das Vertrauen haben, sicher sein, dass der andere ihn in aller Ruhe seine Sicht darlegen lässt, seine Sicht Ernst nimmt, und der Andere seine Sicht "daneben auf den Tisch legen" wird, beide die Puzzleteile betrachten und zu einer gemeinsamen Problemsicht entwickeln und DANN KOMMT die Einsicht, dann KOMMT das Verständnis, wie das Zusammenspiel und das Problem entsteht. Plötzlich verstehen der Geizige und der Großzügige, wie das Problem entsteht und warum es jeder anders sieht und jeder den Anderen anders "verurteilt". Aber Verurteilung ist eben die Beendigung des Einlassens, des Verstehen wollens. Leider begreifen der Geizige und der Großzügige oftmals nicht, dass sie einfach in verschiedenen Welt leben, die man aber auch nebeneinander leben lassen kann und notfalls ein wenig trennen oder anders lösen kann. Und wenn aber das wahre Verständnis kommt, wird es manchmal ganz einfach, gemeinsam eine Lösung zu entwickeln und beiderseits mit Überzeugung und dauerhaft zur Zufriedenheit aller konsequent umzusetzen. Es geht, ich bin sicher! Auf jeden Fall ist dies der einzig sinnvolle Weg, selbst wenn er natürlich auch keine Garantie für ewiges Glück darstellt.

Und es schmerzt hier und jetzt beim Schreiben, diese Erkenntnis zu haben und nicht erfolgreich teilen zu können. :-( Für mich ist dies DAS WICHTIGSTE Werkzeug für eine dauerhafte Beziehung. Es WIRD IMMER Probleme in Beziehungen geben, romantische Träumereien vom Seelenverwandten sind in meinen Augen ausgemachter Blödsinn! Und entweder man lässt zu, dass die Probleme die Beziehung zerstören, dann wird man nie im Alter mit jemanden gemeinsam zurückschauen können und sagen können: "Weißt Du noch damals?" Oder man lernt systematisch Probleme zu lösen. Etwas anderes gibt es nicht außer höchstens irgendwelche "äußeren" Zwänge, die eine Beziehung dauerhaft zusammenhalten. Für den richtigen Weg braucht es auf jeden Fall zwei Parteien, die mitspielen. Wo ist die Frau, die das versteht und beherrscht?

Ja, ich habe schon viel an mir gesehen, erkannt, akzeptiert oder auch nicht akzeptiert und verändert. Denn das ist eben auch erforderlich und geht nicht ohne, man ist nicht festgefahren. Es ist Blödsinn zu behaupten, "man sei so wie man ist" und man könne sich nicht ändern. Wer das sagt, kann dann auch gleich ganz aufgeben. Manche Dinge kann man einfach ändern, manche Dinge schwierig, manche vielleicht wirklich nicht. Aber wer vorher sagt, es geht nicht, hat es nicht probiert und gibt sich selbst keine Chance.

So, Ende des Plädoyers! :)
 
G

Gast

Gast
  • #32
Hier die #26 / #30

Ein wundervolles Plädoyer!

Ja, so sehe ich das auch.

Übrigens das mit der Hölle hast sich darauf bezogen, wie es einem ergeht, wenn man für sich "Kassensturz" nach einer gescheiterten Beziehung macht.
Selbstverständlich sind wir uns alle drüber klar, oder sollten es zumindest sein, dass zum Scheitern einer Beziehung immer zwei gehören.
Nur: (wie Du so schön beschreibst) Es ist unendlich schwer zu erkennen, was gerade in Deiner Beziehung schief läuft und das dann VERSTÄNDLICH und verträglich und für den anderen annehmbar innerhalb der bestehenden und tragenden Beziehung auch zu äussern.

Als ich mir meine gescheiterte Ehe (18 Jahre Beziehung und 10 Ehejahre) angesehen habe, ist mir das nicht einfach gefallen, weil ich mutmasslich zu den ewig gestrigen gehöre, deren Lebensansatz eben genau nicht ist Beziehungen nach "input" vs "output" zu beurteilen, und die sofort die Reissleine zu ziehen, sobald sie mehr investieren müssen als momentan zurückkommt (sollte aber wohl nicht dauerhaft so sein); sondern ich gehöre eher zu denen, die denken, dass sich eine Beziehung weiterentwickelt und mit jedem Ausschlag auch an Wert und Tiefe gewinnt.
Egal, das war ja hier nicht wirklich Thema.

Zurück zur Hölle: Für mich war es wirklich äusserst schmerzvoll, auf die Scherben zu sehen, herauszufinden, welcher mein Anteil war, aber eben besonders auch mit dem Schmerz umzugehen, dass alles nicht hätte sein müssen, wenn wir geschafft hätten zu reden (ist aber extrem schwer, wenn der andere sich fürs Schweigen entscheidet). Das tut weh, besonders auch zu akzeptieren was war und - wie Du schonmal geschrieben hast - selbst einen Schlussstrich zu ziehen. ... und selbstverständlich eigene schädliche und wenig hilfreiche Eigenschaften zu ändern und an sich zu arbeiten.
Das alles hat nicht unbedingt mit einer "inneren Hölle" zu tun, wie Depressive sie schildern ... und letztendlich kann ich das auch nicht beurteilen, weil ich noch nie durch eine echte Depression musste.
"Meine" Hölle hat auch viel mit Gefühlen zu tun und die Ordnung darin wieder herzustellen.
Dazu gehört viel Mut, die Angst zu besiegen und sich selbst zu verzeihen ... (für all das was man hätte besser machen können und es eben nicht getan hat ... das Wort Einsicht trifft das was ich meine vielleicht).
Du hast allerdings recht, tatsächlich ist das nicht nur "Hölle" sondern es gibt dort durchaus auch Momente des "Erkennes" und der "Er-Lösung" und der daraus resultierenden Erleichterung und Freiheit. Allerdings habe ich keine andere Bezeichnung parat ... Fegefeuer??? (Da ich nicht katholisch bin möchte ich hier keine Bewertung abgeben).

Natürlich sollte man sich mit den Unterschieden zwischen Mann und Frau beschäftigen (klar habe ich auch, auch viel über mich und meine Partner gelernt).

JA!
Selbstreflexion hilft auf dem Weg zu einer erfüllten und sich weiterentwickelnden Beziehung. Selbsterkenntnis ist dagegen äusserst schwer, sobald man in einen Konflikt verstickt ist. Kommunikation ist in diesem Moment der absolute Knackpunkt, aber auch genau daran schneitern wir dann gerne wieder. (Mir ist das zumindest in meiner Beziehung nach meiner Ehe so gegangen. Alle meine guten Vorsätze sind dahin, wenn der andere nicht redet oder mit sich reden lässt. Das ist meine persönliche Quintessenz: Schweigen bedeutet den Stillstand einer Beziehung und damit deren Tod).

Meine Idealbild einer guten, lebendigen und erfüllenden Partnerschaft ist das einer Kommunikation auf allen Ebenen und vor allem auch in bezug auf die wenig vorteilhaften Eigenschaften, die wir da so haben.
Für mich bedeutet das, sich gemeinsam weiterzuentwickeln - was immer auch bedeutet, dem anderen auf seinem Weg bezustehen (so steinig das sein mag für einen selbst, den anderen, und auch für beide zusammen).
Ganz besonders wichtig ist dabei wohl wirklich das Aufdecken der blinden Flecken. Das geht jedoch nur, wenn Du jemanden an Deiner Seite hast, der seine Kritik so verständis- und einfühlsam vermitteln kann, so dass Du zulassen kannst, Dir das anzuhören und an Dich hinzulassen. Damit meine ich allerdings defiitiv NICHT, den anderen nach den eigenen Wünschen umzumodellieren sondern ganz im Gegenteil unbedingte Voraussetzung ist dafür den anderen als vollständige und selbstbestimmte Person zu akzeptieren und zu erleben, sich jedoch bereit zu erklären, diesen anderen auf seiner persönlichen Reise zum Innersten und zur Vollkommenheit zu begleiten. (klingt jetzt so geschwollen, aber kann man auch im Ansatz erkennen was ich meine???).

Das setzt ungemein viel Vertrauen, Verantwortungsgefühl und Geborgenheit voraus, und man muss gewaltig in Vorleistung gehen, um so etwas zuzulassen. Das ist schwer ... und wird mit jedem gescheiterten Beziehungsversuch einen Tick schwerer.
Das ist übrigens der Grund, warum meine "innere Hölle" nach meiner - gescheiterten - Beziehung zu meinem Partner (nach knapp 7 Jahren) fast genauso unangenehm war, wie die das erste mal ...

Ich versuche tatsächlich, mich weiterzuentwickeln und auch an mir zu arbeiten, um vielleicht auch meine Kriterien für eine glückliche Partnerschaft weiter herauszuarbeiten und zu verfeinern. Um dann vielleicht denjenigen und das zu finden, was ich bereits so lange in der Tiefe meines Herzens suche (und tatsächlich bin ich um jeden Tag meines Lebens froh, an dem ich geliebt und genossen und gestritten und gelernt und mich weiterentwickelt habe - mithin bin ich sehr froh, dass ich meinen Ex-Mann kennenlernen durfte und gleichen gilt für meinen Ex-Partner selbstverständlich auch!).
 
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