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  • #1

Zurückhaltung wegen Herkunft ?

Ich kenne einen sehr netten, interessanten ostdeutschen Mann (34), der schon seit langer Zeit im Westen studiert hat und arbeitet, sich aber dort nicht sehr wohl fühlt. Nun fährt er jedes Wochenende "nach Hause" (aus Süddeutschland), da er sehr heimatverbunden ist. Mir gegenüber war es ihm fast peinlich seinen Herkunftsort zu sagen, er versucht auch seinen sächsischen Dialekt etwas zu unterdrücken. Das ist mir völlig egal, für mich zählt der Mensch, ich bin selber Deutsch-Französin, offen, und habe keine Vorurteile oder Erfahrungswerte, habe aber irgendwie den Eindruck, dass er aufgrund seiner Herkunft so eine Art Minderwertigkeitsgefühle hat und deswegen etwas zurückhaltend wirkt, obwohl von uns beiden durchaus Interesse für mehr zu bestehen scheint... Könnte das ein Grund sein ? Hat jemand mit Ost-West-Beziehungen Erfahrungen und kann mir diesbezüglich ein paar Tipps geben ?
 
  • #2
Ich könnte mir vorstellen, dass es ihm eher weniger um Ost-West-Beziehungen geht.
Eher wird er eben die Erfahrung gemacht haben, dass der Sächsische Dialekt nicht zu den beliebtesten zählt.
 
  • #3
Die Sachsen hatten es schon zu DDR-Zeiten schwerer, und nach der Wende 1989 wurde es für sie kaum leichter.
Von Vorurteilen, bis Witze über sie. Also verständlich, wenn sie vorsichtig sind, gegenüber Nicht-Sachsen.
Das ist mir völlig egal, für mich zählt der Mensch, ich bin selber Deutsch-Französin, offen, und habe keine Vorurteile oder Erfahrungswerte
Dann sage ihm das. Und daß du halbe Französin bist.

Ich kenne die Franzosen als sehr tolerante und individuelle Menschen. Sie lassen Jeden wie er ist, solange er damit nicht Andere stört oder verletzt. Sie beurteilen andere Menschen m.E. i.d.R. kaum oder gar nicht. Weil sie ungern über Andere urteilen wollen. Und interessieren sich nicht um Kleinigkeiten oder oberflächlich.
 
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  • #4
.... habe aber irgendwie den Eindruck, dass er aufgrund seiner Herkunft so eine Art Minderwertigkeitsgefühle hat und deswegen etwas zurückhaltend wirkt, obwohl von uns beiden durchaus Interesse für mehr zu bestehen scheint


Es kann schon sein, dass es tatsächlich so ist, wie Du schreibst-schade, wenn er wg. seiner Herkunft Komplexe hat. Das liegt aber weniger an seiner Herkunft, sondern an seiner Einstellung dazu. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, ob er das ändern kann. Ich selber bin w, habe Deutsch als Fremdsprache und bin ganz Ausländerin (Slawin). Niemals habe ich Minderwertigkeitskomplexe wg. meiner nicht-deutschen Herkunft gehabt. Warum sollte man auch Minderwertigkeitskomplexe wg. seiner Herkunft haben-die Herkunft prägt natürlich einen, aber es gibt keine Nation, die "besser" oder "schlechter" herkunftsmäßig ist. Es liegt jedem frei, was man aus sich macht-gerade in Deutschland gibt es so viele Möglichkeiten vieles aus sich zu machen.
Die Herkunft ist wichtig. Aber nicht entscheidend. Ich bekenne mich zu meiner Herkunft-das sieht und hört und liest man auch-und ich sehe wirklich keinen Grund, warum man Komplexe haben sollte, wenn man nicht als Westdeutsche/r geboren ist.
 
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  • #5
Ich bin Westdeutsche und habe einen Partner aus Sachsen. Er hatte auch anfangs ein Minderwertigkeitsgefühl, was unter anderem damit zu tun hatte, dass ich "so schön spräche". Sein Dialekt verrät deutlich seine Herkunft; glücklicherweise ist er sehr selbstbewusst. Er hat mir erzählt, dass da, wo er herkommt, die Mauer in den Köpfen noch da ist; in seinem Bekanntenkreis gilt eine Frau aus dem Westen als fast "unerhört", aber mindestens als exotische Sensation, Dabei geht es aber gar nicht darum, wer sich da wem unterlegen fühlt, sondern um den kulturellen Hintergrund allgemein und dass das ja nieeeeemals zusammengehen kann.

Aber eine solche Mauer gibt es teilweise in den Köpfen der Westdeutschen auch noch. Er hatte vorher außer zu mir noch keine intensivere Beziehung zu jemandem aus dem Westen und war angenehm überrascht, dass ich und mein Umfeld ihm ganz normal und aufgeschlossen gegenübertraten. Und darum geht es, denke ich. Einfach frei machen von dem, was man über die aus dem anderen Deutschland zu wissen glaubt; letztlich ist jeder Mensch ein Individuum.
 
  • #6
Nein, warum sollte er Minderwertigkeitsgefühle haben? Eine ganz absurde Idee. Ich komme selbst aus Leipzig und hatte noch nie im Traum auch nur ansatzweise das Gefühl, Minderwertigkeitskomplexe aus diesem Grund haben zu müssen. Eher haben Leipziger das Problem, ihren Größenwahn in den Griff zu kriegen weil man sie nicht in einem Atemzug mit Hamburg oder München oder New York nennt... ;o)

Der Grund für seine Zurückhaltung könnte sein, daß er zum einen ein zurückhaltender Mensch ist, der erst mal seine Umgebung prüft bevor er aus sich herausgeht. Möglicherweise gehört er zu denen, die ungern "auf den Pudding hauen" und neigt nicht zum Selbstdarsteller (die wenigsten Ostdeutschen neigen dazu).
In meinem Bekanntenkreis gibt es einige ost-westdeutsche Paare. Meist funktioniert die Konstellation Ost-Frau und West-Mann ganz gut, umgekehrt kenne ich momentan kein Beispiel. Dadurch, daß Du halb Französin bist, sehe ich das Ganze aber positiv, denn dann wirst du weniger geneigt sein, in festgezurrten Schemata zu denken.
Sprich ihn an, Du hast nichts zu verlieren. Nur Mut.
 
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  • #7
Wie alt ist denn der Mann?

Selbst wenn man minderwertigkeitsgefühle wegen seines Dialektes hat sollte man ab einer gewissen menschlichen Reife drüberstehen..Ansonsten könnte ich mir noch sehr viel mehr Minderwertigkeitskomplexe beI Ihm vorstellen.

Ist ja nicht grade so das er Suaheli spricht und nicht verstanden wird.-.)

m46
 
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  • #8
Ich, w und aus NRW stammend, bin seit 6 Jahren mit einem Sachsen liiert und seit anderthalb Jahren verheiratet. Minderwertigkeitskomplexe habe ich bei ihm nicht feststellen können. Dagegen Selbstbewusstsein, Fürsorglichkeit, eine extrem praktische Ader, die ich noch bei keinem Westmann gesehen habe, große Hilfsbereitschaft.

Sein Dialekt ist dezent, da er schon lange vor der Wende ins damalige Ost-Berlin gezogen ist.
Die Menschen in seiner Heimat, die ich inzwischen kenne (aus Sachsen und Thüringen, vor allem aus Zwickau, Leipzig und Weimar) und ein mit uns befreundetes sächsisches Ehepaar (beide stammen aus Döbeln) empfinde ich durchweg als ausgesprochen warmherzig und freundlich, großzügig und humorvoll
 
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  • #9
ich kenne persönlöich keine zurückhaltenden "Ostler". Eher die offenen und kommunikativen. Vielleicht liegt es daran, dass er jedes WE wegfährt und weiß das sein Zeitangebot nicht optimal ist. Oder er hat da jemanden? Oder er plant nach Möglichkeit, die sich jetzt anscheinend noch nicht ergibt zurückzuziehen, was dann auch keine Basis wäre. Ich persönlich hasse das geradezu, wenn jemand nebeneher rausrückt, dass er in Wahrheit auf gepackten Koffern sitzt.Habe ich nur schlechte Erfahrungen mit. Man einer der halt so ist weiß das evttl. auch das dies nicht jedermanns Sache ist und hält sich zurück.
 
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  • #10
Dass er seinen sächsischen Dialekt unterdrückt, musst Du meiner Einschätzung nach nicht überbewerten. Das ist vielleicht nur reine Höflichkeit, so wie es auch andere Dialekt sprechende Menschen tun bzw. tun sollten, um verstanden zu werden. Ich arbeite im universitären Umfeld und bei uns spricht jeder, unabhäng von seinem Urspungs-Dialekt, hochdeutsch, ganz einfach um von Studenten/Kollegen, die aus ganz Deutschland bzw. aus der ganzen Welt stammen, verstanden zu werden. Meiner Meinung nach gehört sich das auch so. Dialekt finde ich innerhalb der Urspungsfamilie in Ordnung, wenn man das möchte, aber Dritten gegenüber einfach nur unhöflich.

w/50
 
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